Kant.
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K.'s Persönlichkeit, daß es zwei Grundzüge sind, welche sich in seinem Charakter auf eineseltene Weise verbinden und vollenden, nämlich der Sinn für persönliche Unab-hängigkeit und zugleich für die pünctlichste Gesetzmäßigkeit. Man mußdieses zugeben, zugleich aber auch bemerken, daß beide Grundzüge in dem einen Begriffeder sittlichen Freiheit enthalten sind, von welcher K. ein glänzendes Muster auf-stellt. K.'s großes Beispiel zeigt, wie ein Mensch trotz Armut und Schwächlichkeitsich frei und unabhängig machen kamt. K. war von Haus ans sehr dürftig und doch
wie unabhängig hielt er sich dadurch, daß er mit starkem Willen auf alles, was er
nicht haben konnte, Verzicht leistete, ja wie wußte er selbst die größten Hindernisse so
zu behandeln, daß er durch dieselben — wenn auch auf Umwegen — nur um so
sicherer zu seinem Lebensziele kommen konnte. Er pries sich glücklich,-daß er niemalsin seinem Leben irgend einem Menschen einen Heller schuldig geblieben sei. Er er-klärte die Unabhängigkeit für die Grundlage alles Lcbensglücks und versicherte, daß esihn von jeher viel glücklicher gemacht habe, zu entbehren, als durch' den Genuß derSchuldner eines anderen zu werden. Außer der willigen Verzichtleistung ans Genüssewar es die Sparsamkeit, die ihm diese ökonomische Unabhängigkeit möglich machte;es war eine seiner moralischen Maximen, daß man keine unnützen Ausgaben machendürfe, d. h. keine solchen Ausgaben, die keinen vernünftigen Zweck haben. Hinzuzusügen" ist, daß diese Sparsamkeit K.'s zugleich Freigebigkeit war, wie er denn, als sein Bruderals Prediger in Ostpreußen starb, der Wittwe desselben sofort eine jährliche Pensionvon 200 Thalern, also die Hälfte seines Gehaltes aussetzte und für arme Verwandteund andere Arme überhaupt jährlich mehr als 400 Thaler verschenkte.
Ein zweites Hindernis, welches K.'s Unabhängigkeit und freie Entwicklung wesent-lich hätte hemmen können, war sein schwächlicher Körper; aber wie hat er auch überdieses Hindernis den entscheidendsten Sieg davon getragen! Er ordnete sein Lebenaus das strengste unter das System der Gcsnndhcitsregeln, die er sich selbst aus Grundeiner fortwährenden, höchst sorgfältigen Beobachtung seiner körperlichen Stimmungenfestgestellt hatte. Unter seinen Gesundheitsrcgeln war die oberste Nichtverwcichlichungdes Körpers; sodann Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Regelmäßigkeit. Zu den wichtigstenStärkungsmitteln für seine Gesundheit gehörte der tägliche Genuß der freien Lust undstarke Bewegung, und er gicng daher grundsätzlich täglich 1 bis 2 Stunden spazierenund zwar bei jedem Wetter. Außerdem aber hatte sein Gcmüth eine große Gewaltüber seinen Körper, wie seine Abhandlung von der Macht des Gemüths, durch denbloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden, beweist. Er wußtedurch seine Charakterstärke selbst krankhafte Zustände seines Körpers für seine geistigeArbeit unschädlich zu machen. Wenn nun K. schon gegen die Hemmnisse des Schicksalsseine moralische Unabhängigkeit so bestimmt geltend zu machen wußte, so gestaltete ersein Leben in solchen Sphären, in denen der Mensch von Hcms aus freier verfügenkann, erst recht den Grundsätzen der von ihm erkannten Sittlichkeit gemäß. Er warein treuer Freund, ein gehorsamer Untcrthan und die allgemeinen Tugenden, die derMensch gegen seinen Nebenmcnschen ausznübcn hat, besaß er in hohem Maße. Lwmuß man, um unter vielem nur eins hervorzuheben, seine strenge Wahrhaftigkeitbewundern.
Aber gewißermaßen seine Haupttugcnd war seine strenge und unbedingte Bernfs-treue. Sein ganzes Leben gehörte seinem Berufe. Jeder Tag war zu diesem Behufdurch die pünctlichste Eintheilnng gleichsam linirt. Die Zeit verwaltete K. noch gewissen-hafter als sein Vermögen und seine Gesundheit. Ein Tag vergicng wie der andere.Pünctlich. 10 Uhr gicng er zu Bette; pünctlich 5 Uhr stand er auf. Die erstenMorgenstunden waren größtcntheils den Vorlesungen gewidmet. Punct 7 Uhr begaber sich in den Hörsaal und las in der Regel bis 9 Uhr. Dann kamen die wissen-schaftlichen Arbeiten und die zum Druck bestimmten Schriften an die Reihe. OhneUnterbrechung wurde bis um 1 Uhr gearbeitet; dann kam der Mittagstisch, für K.die Zeit der genußreichsten Erholung in Gesellschaft seiner liebsten Freunde.. Auf dieMahlzeit, die sich in der Regel einige Stunden hinzog, folgte dann stets nach einerkleinen Pause der regelmäßige Spaziergang. Die Dämmerungsstundcn gehörten derMeditation, die Abendstunden der Lectüre. Der große Mann kannte nur Einen Geiz,den Geiz mit der Zeit.