700
Kant.
keit des Menschen beruht nach K. auf dem Willen; die Eigenschaft aber, die denWillen zum Willen macht, ist die Freiheit. Wahrheit wollen und Freiseinist ein und dasselbe. Freiheit ist nach K., wenn man sie nicht bloß negativ und formellals Willkür, sondern positiv und materiell bestimmen will, diejenige Wirksamkeit desWillens, bei der er dem in ihm selbst liegenden Gesetz mit Bewußtsein gehorcht.Dieses Grundgesetz des Willens aber ist nach K. in dem Satze ausgesprochen: Handleso, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich das Princip einer allgemeinenGesetzgebung werden kann. Ein Wille ist nur dadurch gut, daß er durch das in ihmliegende Princip bestimmt wird; nicht aber durch dasjenige, was er bewirkt, unddie wahre Bestimmung der Vernunft wird daher darin bestehen, den guten Willenum sein selbst willen in sich hervorzubringen. Es ist überall nichts in der Welt,ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gutgehalten werden könnte, als ein guter Wille. Das im menschlichen Willen liegendeund wirkende Allgemeine bezeichnet K. auch als die Pflicht und drückt daher seinMoralprincip auch so aus: thue deine Pflicht um der Pflicht willen. Werseine Pflicht nicht um der Pflicht willen thut, sondern um eines andern willen, derthut gar nicht seine Pflicht, denn er macht die Pflicht zu einen: Mittel für einenandern Zweck, während sie selbst doch allein der letzte Zweck sein soll. K. verwirftdaher die sogenannte Glückseligkeitslehre, wonach ich pflichtgetreu handeln soll, umdadurch glücklich zu werden, als ein unmoralisches, auf Egoismus beruhendes Princip.Die sittliche Pflichterfüllung ist der absolute Endzweck alles menschlichen Handelns,die Glückseligkeit höchstens ein Mittel zum Zweck; die sittliche Pflichterfüllung istder Grund der menschlichen Vollkommenheit, die Glückseligkeit die Folge diesesGrundes. Weil der sittliche Mensch seine Pflicht erfüllt um der Pflicht willen, sohält K. auch die individuelle Neigung für etwas unwesentliches bei der Pflichterfüllung.— Es wäre leicht zu zeigen und ist oft gezeigt worden, daß dieses K.'sche Moral-princip den wahren Begriff des höchsten Guts, der die Sittlichkeit und die Seligkeitin unzertrennlicher Einheit in sich begreift, dualistisch zerreißt, daß es in seiner forma-listischen Einseitigkeit den materiell tiefsten Grund der Sittlichkeit, die Liebe zu Gott,keineswegs erreicht, daß cs-sogar um dieser Einseitigkeit willen ganz ähnlich, wie z. B.das Fenelon'sche Princip der „uninteressirten Liebe zu Gott," sich überschlägt und insGegcntheil, den Eudämonismus, verläuft: das alles hindert nicht anzuerkcnncn, daßdiese Geistcszucht, die K. an dem deutschen Geiste geübt hat, allein es war, die imVerein mit der Mannszucht eines Friedrich II. („Der König nur der erste Dienerdes Staats") jenes Volk heranzog, das unter einem Stein und Gneisenau den Koloßdes Napolconismus zertrümmerte.
K.'s Grundsätze der Pädagogik finden wir in seinen von Rink hcrausgegebenenVorlesungen über Pädagogik. Auch hier schlägt durch alles der Gedanke hindurch,daß die sittliche Freiheit das letzte Ziel aller Bildung und Erziehung ist. K. hat vonder Erziehung die erhabenste Idee, die man nur immer haben kann. Der Mensch,sagt er, kann nur durch die Erziehung wahrhaft zum Menschen werden; daher steckthinter der Education das große Geheimnis der Vollkommenheit der menschlichen Natur.Tie Erziehung ist das größeste Problem, und das Schwerste, was dem Menschenkann aufgegeben werden. Denn Einsicht hängt von der Erziehung und Erziehunghängt wieder von der Einsicht ab. Daher kann die Erziehung auch nur nach undnach einen Schritt vorwärts thun, dadurch, daß eine Generation ihre Erfahrungenund Kenntnisse der folgenden überliefert, diese wieder etwas hinzuthut, und es so derfolgenden übergiebt. K. wirft bei dieser Gelegenheit den äußerst fruchtbaren Gedankenhin, ohne ihn jedoch weiter zu verfolgen: ob die Erziehung im einzelnen wohl dieAusbildung der Menschheit im allgemeinen nachahmcn solle? Weil die Entwicklungder Naturanlagen bei dem Menschen nicht von selbst geschieht, so ist alle Erziehungeine Kunst. Die Erziehungskunft muß aber judiciös sein, d. h. einen bestimmtenPlan verfolgen, damit die menschliche Natur ihre Bestimmung erreiche. Diese Be-stimmung liegt nicht darin, daß die Kinder in die Welt, wie sie einmal ist, Hinein-passen, sondern sie sollen der Idee der Menschheit angemessen erzogen werden.K. unterscheidet nun zwei Theile der Erziehung: die pbysische Erziehung und diepraktische. Zu der physischen Erziehung rechnet er alle Einwirkungen des Erziehers,