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Kant.
dogmatische Manier und suchte den Trieb und die Fähigkeit der philosophischenUntersuchung zu wecken. Und so hat er durch seine Thätigkeit nicht bloß denGeist der freien Forschung zum Gemeingute vieler Menschen gemacht, sondern er hatauch auf den Charakter und die Sittlichkeit seiner Zuhörer sehr heilsam eingewirkt.Die moralischen Schriften Kants können uns natürlich keine vollständige Anschauunggeben von der energischen Wirkung, die seine mündliche Rede ausgeübt haben muß;aber dennoch kann man auch Kants moralische L-chriften, besonders seine Grund-legung zur Metaphysik der Sitten, nicht ohne sittliche Erhebung lesen.
Noch ist hier zu erwähnen, daß K. nach dem Tode Friedrichs des Großen inseiner Lehrfreiheit gehemmt wurde. Unter Friedrich Wilhelm II. nahm die preußischePolitik und Krrchenleitung bekanntlich eine reactionäre Strömung. Schon 1788 mußteder freisinnige Zedlitz abtretcn, und an seine Stelle trat der fanatische und hierarchischeWöllner, berüchtigt durch das nach ihm benannte Religionsedict. K. erhielt eineCabinetsordre vom 1. Octobcr 1794, von Wöllner selbst abgefaßt, in welcher ihmvorgeworscn wird, seine Philosophie zur Entstellung und Herabwürdigung von Haupt-und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christenthums mißbraucht zu haben.Man verlangt seine gewissenhafteste Verantwortung und erwartet, daß er sich künftighinnichts dergleichen werde zu Schulden kommen lassen. Hierdurch wurde K. in einenConflict der Pflichten verwickelt, der ihn: sehr viel zu schaffen machte. Er erledigteaber die Sache nach folgender Maxiine, die man auf einem Zettel von ihm aus-geschrieben fand: Widerruf und Verleugnung seiner inneren Ueberzeugung ist nieder-trächtig, aber Schweigen in einem Falle, wie der gegenwärtige, ist Unterthancnpflicht;und wenn alles, was man sagt, wahr sein muß, so ist darum nicht auch Pflicht, alleWahrheit öffentlich zu sagen. In diesem Sinne beantwortete er das königliche Schreiben.Nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. wurde die Lehrfreiheit wiederhergestellt unddaS Wöllner'sche Religionsedict aufgehoben; allein K. genoß die ihm wiedergeschenkteRedefreiheit nur wenige Jahre, denn schon 1799 mußte er wegen Altersschwäche seineVorlesungen schließen und am 12. Februar 1804 starb er.
4. Kants Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Geistesund der deutschen Wissenschaft. Wir haben uns in dieser Beziehung selbst-verständlich zumeist an K.'s Schriften zu halten.
Die bedeutendsten derselben sind: Kritik der reinen Vernunft (1781), Kritik derpraktischen Vernunft (1788), Kritik der Urtheilskraft (1790), die Religion innerhalbder Grenzen der bloßen Vernunft (1793). Als praktischen Beweis für die universelleBedeutung dieser Schriften können wir zunächst auf die Wirkungen Hinweisen, die siein der deutschen Wissenschaft hervorbrachten. Infolge derselben entstand damals inDeutschland ein so großartiges philosophisches Leben, wie es vorher nur das alteGriechenland gekannt hatte. Aber auch alle andern Wissenschaften bewegten sich amEnde des Jahrhunderts um die Kant'sche Philosophie als um ihre gemeinschaftlicheAngel. Die Kritik der Urtheilskraft z. B. war es, die in Schiller ein neues Lebenund neue Anschauungen erweckte und ihn in den Stand setzte, seine ästhetischenAbhandlungen zu schreiben. Die Kant'schen Schriften über Moral ferner haben dazubeigctragen, das sittliche Leben in unserer Nation zu reinigen und von dem egoistischenEudämonismus zu befreien. Und wie K. als akademischer Lehrer dahin wirkte, inden Studirenden den Geist selbständiger Forschung zu erwecken, so wecken auch seinephilosophischen Schriften die selbständigsten philosophischen Forscher. In dieser Be-ziehung ist ihn: unter den Philosophen etwa nur Sokrates zur Seite zu stellen. Nochist in unserem Jahrhundert keiner zum Philosophen geworden, der nicht ein gründlichesStudium aus den K.'schen Schriften gemacht hätte.
Was macht denn die K.'sche Philosophie so groß, was giebt ihr diesen Epochemachenden Einfluß auf das deutsche Kulturleben, was ist ihr Grundgedanke, ihrPrincip? K.'s Vorgänger, die dogmatischen Philosophen, hatten die Erkenntnis derDinge gesucht und das geistige Vermögen im Menschen, welches doch der Trägeraller Erkenntnis ist, dabei als gegeben vorausgesetzt; dagegen ließ K. die Dinge zu-nächst bei Seite liegen und untersuchte zuerst den Geist. Da diese Untersuchung desGeistes jedenfalls nur mittelst des thätigen Geistes selbst angestellt werden kann, sobietet die K.'sche Philosophie zuerst das großartige Schauspiel dar, daß der Geist sich