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Jugendlectüre, Jugendliteratur.
scheuen und doch ergreifenden Zügen darstellcn, und eine solche Darstellung kann alleindem gelingen, der selbst ein solches Leben erfahren hat. Ein solcher aber schreibe ohneprämeditirte Tendenz, nur ans seiner Liebe und Glaubcnsfreudigkeit heraus. Ebendies gehört überhaupt zum Wesen der classischcn Dichtung, daß sie, ohne lehrhastigsein zu wollen, doch belehrt und bildet.
8) In der Forderung der Wahrheit wird jede besondere Tendenz der Jugend-schrift aufgehen müßen. Unter dieser Wahrheit ist aber nicht eine Beschränkung aufdie nackte Wirklichkeit zu verstehen, sondern jene innere Wahrheit, welche auch demideellen, poetisch gestalteten Leben das überzeugende Gepräge der Wirklichkeit giebt. DieJugend muß auch aus der Dichtung die wirkliche Welt verstehen lernen, und in derThat besitzt schon das Kind ein natürliches Verständnis dazu. Nicht das Märchenpeinigt die Kinder mit Zweifeln, wohl aber die aus der unmittelbaren Gegenwarterdichtete Erzählung; hier kommt es mit der ängstlichen Frage, ob die Geschichte auchwahr sei, und wird traurig, wenn man ihm mit Nein antwortet. Auch aus der sitt-lichen Haltung seiner Kindcrbuchheldcn fühlt es leicht jede Unwahrheit heraus. Pal-mer hat zwar ganz Recht, wenn er sagt, man dürfe dem Kinde Gutes und Bösesnur in stark ausgeprägten Gestalten Vorhalten, die ihm mit völliger EntschiedenheitGegenstände der Liebe und des Abscheus werden. Aber damit ist nicht gesagt, daß„die Engel an Tugend" und „die Teufel au Bosheit", wie man sie in vielen Kinder-büchern findet, auch durchweg die rechten Gestalten seien; denn was an ihnen bedenk-lich erscheint, ist nicht das starke Gepräge, sondern die Unwahrheit.
9) Auch die Kunst der Accommodation hat ihre Schwierigkeit; sie ist etwasmehr als eine bloße Herablassung zu dem Verständnis und den Erfahrungen des Kin-des. Denn die Welt der Jugendschrist muß dem Gesichtskreise desKindes zwar erreichbar sein, aber zugleich über denselben hin aus-weisen; „das Kinderbuch muß" (wie Dahlmann sagt) „statt den Kindern nachzu-kriechen, neben dem Verständlichen einen stachelnden Zusatz von noch nicht verständlichenDingen geben." Auch die Meinung, daß man das Kind am besten mit Geschichtenvon Kindern unterhalte und durch Kinderbeispiele belehre, ist irrig. Denn „der Knabefühlt sich ungern klein, er möchte ein Mann sein" (Herbart). Die Erzählung, dieihn erfreuen und- bilden soll, muß das „stärkste und reinste Gepräge männlicher Größetragen." - Robinson tritt zwar als ein Kind auf, aber nicht seine Knabenhaftigkeit,sondern sein Erstarken zur Mannhaftigkeit gewinnt ihm die Herzen. — Zugleich mußaber' vor einem andern Extreme gewarnt werden. Man glaube nicht, daß das Kindlesen könne, wie der Erwachsene. Die Lebenserfahrungen des Kindes sind weit be-schränkter; und es bleibt ihm neben dem spannenden Interesse an dem Verlaufe derGeschichte die Arbeit, die neue Welt seinen eigenen Vorstellungen zu assimiliren. Mit-hin darf die Schwierigkeit des Verstehens und Verarbeitens nicht allzusehr gesteigertund noch weniger durch geradezu unverständliche Ausdrücke und Begriffe unüberstciglichgemacht werden.
10) ^ Allerdings ist es eine nothwendige Eigenschaft der Jugendschrift, daß sieInteresse errege. Aber die Spannung muß der Art sein, daß sie die geistigeThätigkcit nicht nur erwecke, sondern zugleich auf einen Punct ruhiger und andauernderBetrachtung sammle. Jeder Ueberreiz schwächt die gesunde Thätigkeit des Geistes.Ein Ueberspanncn des Interesses ist oft noch gefährlicher, als ein Nachlassen zur Lang-weiligkeit.
Die Darstellungsweise selbst muß klar und einfach sein, ohne je trivialzu werden; sic muß mit Hellen und frischen Lebensfarben zeichnen; aber die durch-sichtige Oberfläche muß einen tiefen, lebensvollen Hintergrund bergen, der bei wieder-holtem Betrachten immer reicher sich erschließt. Er muß reich genug sein, um auchden Erwachsenen mit Liebe und neuem Gewinne zu seinem Kinderbuch«: znrückkehrenzu lassen.
Wenn in Vorstehendem von den sogenannten Unterhaltungsschriften gesprochenworden ist, so sind nunmehr noch einige Worte über
11) die specifisch didaktischen Jugendschriften zu sagen, die durch reale Wahr-heit von der poetisch gestalreten Unterhaltungsschrift und durch anziehende Einkleidungvon dem Schulbuche sich unterscheiden sollen. — Auf dem historischen Gebiete wird