Jugendlectüre, Jugendliteratur.
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Wer übrigens an klassischen Stoffen nicht Genüge hat und sich als ein so großerDichter fühlt, um für die Jugend schreiben zu können, der entnehme seinen Gegen-stand wenigstens dem wirklichen Leben und zwar den naivsten und erhabensten Acuße-rungen eines großen Seelenlebens. —
5) Sehr gewöhnlich ist die Annahme, daß in einer guten Jugendschrift einemoralische Tendenz sich aussprechen müße. Aber Herbart bemerkt dagegen, daßschon die Absicht zu bilden die Jugendschrist verderbe und namentlich „das sichtbareBestreben, alles auf Religion und Moral zurückzuführen," den Knaben hindere, sichihrem Eindrücke unbefangen hinzugeben. Wird die Moral an dem Beispiel erdichteterTugendhelden gelehrt, so merkt das Kind leicht, daß diese Helden nicht Fleisch undBein haben, und wird gelangweilt oder selbst mistrauisch. Denn nur die Wahrheitdes Lebens ist es, die praktische Theilnahme erweckt, und nur im Gegensätze zumBösen wird das Gute erkannt und geliebt. „Stellt Kindern," sagt Herbart, „dasSchlechte dar, nur nicht als Gegenstand der Begierde; sie werden finden, daß csschlecht ist. Unterbrecht eine Erzählung durch moralisches Raisonnemcnt, sie werdenfinden, daß ihr langweilig erzählt. Stellt lauter Gutes dar, sie werden finden, daßes einförmig ist, und der bloße Reiz der Abwechselung wird ihnen das Schlechte will-kommen machen. Aber gebt ihnen eine interessante Erzählung, reich an Begebenheiten,Verhältnissen, Charakteren, es sei darin strenge psychologische Wahrheit undnicht fenseit der Gefühle und Einsichten der Kinder; ihr werdet sehen, wie die kind-liche Aufmerksamkeit darin wurzelt, wie sie alle Seiten der Sache hervorzuwendensucht; wie der mannigfaltige Stoff ein mannigfaltiges Urtheil anregt, wie der Reizder Abwechslung in das Vorziehen des Bessern endigt."
Man wird zugeben, daß die biblische Geschichte des A. T. auch eine Moral ent-hält; und „doch sind jene Patriarchen, diese Richter und Propheten, Könige undPriester nichts weniger als Tugendideale im Sinne einer modernen schlappen Moral.Gerade daß die Schattenseite nicht fehlt, giebt ihnen einen so hohen pädagogischenWerth." (Rosenkranz.) Immer muß die Moral aus der Erzählung selbst sprechen.Selbst die Fabel verträgt es nicht leicht , daß ihre Nutzanwendung ins Abstracte breitgelegt werde.
6) Anders verhält es sich mit der Forderung, daß die Jugcndschrift sittlichrein gehalten werden müße, insofern man nämlich darunter nur eine Vermeidung allesdessen zu verstehen pflegt, was die Schamhaftigkeit verletzen oder böse Lüste e.rregenkönnte. Nicht allein sachlich, auch hinsichtlich der Ausdrucksweise ist eine entsprechendeVorsicht zu empfehlen. Doch auch eine zu ängstliche Nachgiebigkeit gegen eine über-feinerte sprachliche Decenz kann schaden, und es müßen daher solche menschliche Dingeund namentlich die Geschichte der Liebe, wenn sie einmal dargestellt werden, zwar mitkeuschem Linne, aber mit festen, nicht durch Halbdunkel zu Argwohn verleitendenZügen gezeichnet werden.
7) Auch die religiöse Tendenz der Jugendschrift kann durch Absichtlichkeitund Uebertreibung ihren Zweck verfehlen. Allerdings muß die Jugendschrift als ihrletztes Ziel die Erziehung zum Christenthum betrachten. Aber damit ist keineswegsausgeschlossen, daß auch nichtchristliche Weltanschauungen, insofern sie nothwcndigeStufen der Entwicklung des Menschengeistcs vergegenwärtigen, ein Recht haben, in dieLectüre der Jugend einzutreten. — Auch darf die Jugendschrift nicht unmittelbar indie tiefsten und außerordentlichsten christlichen Lebenserfahrungen einführen wollen, wennsie nicht zu einer religiösen Frühreife Anlaß geben will, deren absichtliche Herbeiführungauch Palmer entschieden als pädagogisch falsch bezeichnet. „Denn hier stellt sich,"sagt Thiersch (über Familicnerziehung), „die schlimmste aller Gefahren ein: früheAbnützung aller solcher Eindrücke und Erlebnisse und einschleichende Unwahrheit, indemdie Kraft schwindet und die Redensarten bleiben." Das Buch in seiner stillen Sprachekann zwar viel aus dem Herzen des Menschen heraussagen; aber man hüte sich, diePersonen des Buches selbst von den tiefsten Heilserfahrungen in alltäglicher Konver-sation parlircn zu lassen. Auch mit den Wundern der göttlichen Vorsehung darf keinverschwenderischer Verbrauch getrieben werden. — Die christliche Jugendschrift mußdie durch sich selbst überzeugende und überwältigende Wahrheit eines in Kampf undBuße zum Heil und Frieden hindurch dringenden Lebens mit schlichten, zarten, fast