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1 (1877) A - Liebe
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Jiigendlectüre, Jugendliteratur.

stellers unserer Zeit wird sich daher wesentlich darauf beschränken, classische Literatur-Schätze für die Jugend ausznwählcn und je nach Bedürfnis zu regeneriren.Aber selbst diese Kunst, solche Schätze zu heben und die noch größere, alte kostbarePerlen, wo es nöthig ist, neu zu fassen, erfordert pädagogische und poetische Genialitätzugleich und dazu noch, wie Hamann sagt, einen Menschen,der einen Narren anKindern gefressen hat."

3) Was die Auswahl betrifft, so hat diese zunächst auf die in kindlichenCulturepochen entsprungene Dichtung und Wahrheit zurückzugehen. Die Ursprüng-lichkeit der dargestclltcn Zustände und die Naivetät der Darstellung entsprechen demSinne des Kindes; und in der Congruenz eines kindlichen Bildungsstandes des Ge-schlechts mit dem des Heranwachsenden Individuums liegt auch ein innerer Grund,,weshalb die Geschichten von Odysseus und dem göttlichen Schweinehirten von unfernKindern mit ebenso unermüdlichem Eifer gelesen werden, wie die Patriarchengeschichte. Indes auch aus fortgeschrittenen Bildungsepochen können Werke entnommen werden,,welche dem Bedürfnis des Kindes entsprechen; und auch unser eigenes Volk besitzt«schätze, wcrthvoll genug, um an ihnen unsere Jugend zu bilden. Das echte Volks-märchen, Nibelungen, die Volksbücher von den Haimonskindcrn, der schönen Magelone,von Fortunat, dem ewigen Juden, Faust und der Sagenschatz überhaupt, sowie selbstdie Legende, bieten, und zwar in geeigneter Vertretung verschiedener Bildungsstufen,brauchbare Stoffe dar. Auch in Fabeln, Geschichten und Anekdoten, die als Typender Weltcrfahrung, der Volkswcishcit und des Volkswitzes (Eulenspiegcl und die Schild-bürger!) zum Theil aus uralten Zeiten sich erhalten und in das Volk eingelebt haben,findet sich eine Fülle von Material, das immer neuer Sichtung und Bearbeitung fähigund vielfach bedürftig ist.Für das Jünglings- und Jungfrauenalter aber muß dieAusbildung der Poesie den Emst der Wirklichkeit selbst in seiner unverhülltenEnergie hervortreten lassen. Nicht mehr als ahnungsvolles Spiel, sondern in seinerobjcctiven Eigenheit muß das Wirkliche nunmehr die Vorstellung der Jugend durch-dringen." (Rosenkranz §. 97.) In diese Function wird zunächst das Drama und derRoman eintreten, beide nach ihrem idealsten Begriffe aufgefaßt als eine poetische Dar-stellung des im Kampfe gegen das Schicksal erstarkenden und sich läuternden Menschen-geistes, und hier bietet auch die neuere classische Literatur eine ziemlich reiche Aus-wahl. Am dürftigsten ist aus naheliegenden Gründen die Auswahl für die früheKindheit; aber dies eben sollte nur die Mahnung verstärken, daß man die Lectüre diesermeist zu früh lesenden Kindheit beschränke.

4) Die Frage, ob und inwieweit classische Stücke eine für die Jugend berechneteBearbeitung zulasten oder erfordern, muß auch vom ästhetischen Standpunctc auserwogen werden. Bei Werken der frühesten Culturperiodcn wird ihr mythischer undhistorischer Hintergrund einer Aufhellung, und die nackte Roheit oder doch der Ausdruckderselben einer Sänftigung bedürfen. Dennoch aber muß der Charakter und die Fär-bung des Ganzen bewahrt und darf die Kraft nicht abgcschwächt, das Herbe nicht ver-süßlicht werden. Mit einer civilisirenden Feile allein, oder auch mit erläuternden Notenist hier nicht geholfen und mit eingelegten Raisonnements viel geschadet; vielmehrbedarf es eines schöpferischen Geistes, um die großen Geister längst vcrfallner Zeitenzu neuem jugendlichen Leben zu wecken. Die Bearbeitung mußnicht überall Ueber-setzung, aber überall mehr als Uebersetzung sein." Jmmcrmanns Tristan und Isoldeund nahebei auch simrocks Amelungcnlicd (die freilich nicht für die Jugend geschrie-ben sind) können als glückliche Versuche einer solchen freien Bearbeitung betrachtetwerden.

In den Dichtungen der Kindheit des Menschengeschlechts ist indes auch ein Motivwirksam, das erotische, das dem Kinde unverständlich ist, oder, wenn es halb ver-standen einem verfeinerten Schamgefühl oder einer schon vergifteten Phantasie cntgegen-tritt, geradezu entsittlichend wirken kann; und hier ist dem pädagogischen Takte eineAusgabe gestellt, die ebenso sehr durch übertriebene Acngstlichkcit verfehlt werden kann,als durch ein rücksichtsloses Bloßlegen. Anders verhält cs sich mit neueren elasti-schen Werken; eine Bearbeitung solcher Werke für die Jugend würde dieser den vollenGenuß späterer Jahre verkümmern und die eingetrctcne Sittcncensur würde vielleicht,nur lüstern nach der Einsicht in nicht castrirte Exemplare machen.