684 Jugendlectüre, Jugendliteratur.
alten Literaturschätze scheint uns aber weit weniger in dem Stoffe selbst begründet zusein, als darin, daß die Rcgcnerirung im großen nicht ebenso glücklich gelungen ist,wie bei einzelnen kleinen Stücken aus der Sagen- und Legendenwelt, die unter wahr-haft poetischem Hauche (von Platen, Rückert, Göthe, Chamisso, Uhland,Pocci u. a.) zu neuem, unmittelbar verständlichem Leben gestaltet worden sind undjetzt zum Theil in K. Simrocks Kerlingischem Heldenbuch (1848), in desselben„Rheinsagen" (5. Aust. 1857) und von Ferdinand Lchmidt (1851) sich ge-sammelt finden. — Die Bearbeitung der deutschen Sage bildet einen Uebergang zu
7) den didaktischen Unterhaltungsschriften. Hier wird der alt-classische Sagenstoff von B. G. Niebuhr in seinen populären griechischen Heroen-geschichten („an seinen Lohn erzählt") und von K. Fr. Becker in seinen schönenErzählungen aus der alten Welt (3 Thle., neu bearbeitet in F. A. Ecksteins„Jugcndbibliothek des griechischen und deutschen Alterthums", 1861) eingeführt undneuerdings am ungeschminktesten von E. Kapp (1850) und in der blühendsten Sprachevon G. Schwab in seinen vielgelesenen „schönsten Sagen des elastischen Alterthums"(4. Ausl. 1858), endlich auch in Wilh. Wägners Hellas (2 Bde. 1859, 60),W. Wiedasch deutschem Haus- und Schul-Homcr (metrisch bearbeitet, mit Ab-kürzungen und Auslassungen, 1857), K. A. Schönkes Sagenwelt der Alten u. a.der deutschen Jugend mitgetheilt, ohne daß jedoch die Aufgabe einer charaktertrcucnUebertragung bis jetzt*ganz genügend gelöst erscheint.
Ergiebiger noch ist die Arbeit auf dem Felde der Geschichte. Bredows„umständlicke Erzählungen" sind immer noch schön und nützlich zu lesen, und nebenKohlrausch deutscher Geschichte für Schule und Haus sind Stackes „Erzäh-lungen" und dessen französische Revolution (1860), Lanz historisches Lesebuch undLange's Lesebuch zur griechischen Geschichte (zwei treffliche, aber wenig verbreiteteBücher), sowie die Schriften von Roth, Pfizer, Dittmar, I. C. Kröger (norddeutscheFreiheits- und Heldcnkämpfe, 3 Bde. 1859) hervorzuhebcn. — Für die Biographiesind manche werthvolle Schriften vorhanden, die entweder unmittelbar für die Jugendbearbeitet sind, oder aus der allgemeinen Literatur hcrangezogen werden können, wiez. B. das Leben Luthers von Matthesius (von Schubert bearbeitet)Nettelbecks Leben von I. C. L. Haken und Neigebauer, das Leben desAdmirals Ruiter von O. Klopp, der alte Heim von Keßler, Klödens HansJoachim Ziethen, die in einigen Stücken gelungenen biographischen Miniaturbilder vonGrube (1857), und Steins Leben von W. Baur (1860).
Die Naturwissenschaft ist für die Jugendliteratur vielfach ausgebeutetworden. Aber die verschiedensten Fehler, breite und blumenreiche Darstellung undwieder trockene und minutiöse Analyse, grob materialistische Auffassung und päda-gogische Takt- und Planlosigkeit treten vielfach hervor. Nur wenige Werke, wieGrub es „Biographieen aus der Naturkunde in ästhetischer Form und religiösemSinne" (1851), die geistreich, poetisch und gelehrt zugleich ausgeführten „Natur-studien" von Masius (1852), erscheinen wahrhaft cmpfehlenswcrth. Als Ganzesaber ist des größten Lobes würdig die gemeinnützige Naturgeschichte (namentlich desThierreichs) von H. O. Lenz, ein Buch, das nicht, eigens für Kinder geschrieben ist,aber ganz in dem naiven Tone eines einsiedlerischen Mannes, der, im stillen Verkehrmit der Natur beglückt und reich, aller Welt von seinen lieben Thieren und Pflanzenerzählen möchte. — Für das physikalische und technologische Fach sind im Spamer'schenVerlag einige ziemlich brauchbare Werke erschienen.
Zu einer unübersehlicheu Fülle ist die geograpische Unterhaltungsliteratur an-gcwachscn. Ihre einfachsten Erzeugnisse sind die Reisebeschreibungen, wie sie z. B.von Harnisch (16 Bde. 1821—32) und Richter (10 Bde. 1831) in ziemlichpädagogischer Auswahl, aber nicht gar anziehender Bearbeitung, oder weit wirksamerin den Enldeckungsreisen von Cook (bearbeitet von Redenbacher, 3 Bde. 1847bis 1850), John Roß (1844), James Roß (1848), Kaue (Nordpolexpcdition1859) und auch wohl in Grube's Taschenbuch der Reisen gegeben werden. Nebensolchen durch ihre nüchterne Wirklichkeit und durch die Offenbarung starker Willens-kraft belehrenden und sittlich erhebenden Schriften ist in neuester Zeit auch einebeachtenswerihe Literatur von „geographischen Charakterbildern" (von Vogel, Grube,