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Jügendlectnre, Jugendliteratur.
nachgeahmt und zum Theil übertroffen worden. Eine ganz andere Art des Fabulirensund der Zeichnung führte Heinrich Ho für anns (Arzt in Frankfurt a. M.)Struwwelpeter ein; — diese ausgelassene, groteske Posse, die von Rosenkranzgerühmt, in einer Million von Exemplaren über die halbe Welt verbreitet, von demVerfasser selbst (im König Nußknacker u. dgl.) und von vielen anderen nachgeahmtworden ist, aber wohl für nichts mehr gelten soll, als, was sie anfänglich war, füreinen augenblicklichen Scherz, den der humoristische Vater an einem lustigen Abend mitseinen Kindern trieb. — Als ein erfreuliches Zeichen des Fortschrittes sind
4) die christlichen In g cndschriften zu betrachten. Während der Auf-klärungspcriode hatte F. A. Krumm ach er mit seinen, zwar nicht ganz naturwüchsigen,aber immerhin sinnreichen und lieblichen Parabeln (1800) das tiefere christliche Ele-ment sehr vereinsamt vertreten. Nächst ihm gebührt dem kindlich stemmen Christophvon Schmid das Verdienst, unsere Jugendliteratur auf die wahren Quellen desHeils zurückgcwiesen zu haben. Aber beklagen muß man, daß schon «schmid mitunterund daß noch weit mehr seine zahlreichen Nachahmer und unter ihnen selbst solche, dieaus wirklich christlicher Gesinnung und mit deutlichem Talente schrieben (wie z. B.H. Dittmar, Ehr. G. Barth, G. H. von Schubert, A. Wildenhahn re.),ihrer guten Sache durch Mißverstand und Uebertrcibung vielfach schadeten. Sie stelleneine Frömmigkeit dar, die weit weniger in kerniger Mannhaftigkeit, als durch weich-liche und süßliche Empfindungen sich äußert; sie lassen den Mund von frommen Redens-arten übcrslicßen, und ihre breite Darlegung innerer Hcilsbewegungcn artet zuweilenin „eine Verletzung der religiösen Schamhaftigkeit aus" (Hülsmann, im Programmdes Duisburger Gymnasiums, 1855). Dabei schaden solche Schriften nicht seltenauch durch eine gewisse Romantik der Weltrcgicrung, indem sie durch einen ver-schwenderischen Aufwand von Wundereffectcn in der inneren und äußeren Führung desMenschenlebens zum Glauben und zur Tugend locken wollen. — Nur wenige, wieHey, K. Stöber (dessen Einfachheit und Frische überhaupt wohl thut) halten dasrechte Maß und treffen den rechten Ton. *) — Ohne solche specifische Tendenz sind
5) die romanhaften Ing cndschriften, die in neuerer Zeit immer mehrauskommcn. In dieser Art haben besonders Nieritz und Fr. Hoffmann sich ver-sucht, und insofern der Roman die Idee des geselligen Lebens historisch darstellen soll,kann man solche Versuche als einen Fortschritt der Jugendliteratur anschen. Aber inder That besteht die Emancipation von der Tendenz der moralisirendcn Kindergeschichtenin wenig anderem, als darin, daß man die engclgleichen Kinder nunmehr zu engel-gleichen Menschen heranwachsen läßt. Von Genialität und hoher Gesinnung findetman in unseren romanhaften Jugendschriften kaum eine Spur. Unwahrheit und ärm-licher Gehalt ist das Wesen der meisten; und viele schaden insbesondere noch dadurch,daß sic ihre Geschichte mit Vorliebe in den luxuriösen und glanzvollen Kreisen derAristokratie spielen lassen. — Das große Mittel, durch welches alle diese Schriftenwirken, ist die Spannung. Während die Dichtungen, welche der Kindheit desMenschengeschlechtes zur Bildung dienten, mit epischer Ruhe erfüllt sind, suchen dieseKinderromane durch eine Reihe von fieberhaft erregenden Effecten die Phantasie zureizen. Selbst Cooper'sche Romane werden für die Jugend dergestalt zugerichtet, daßvon dem Beruhigenden und Herzcrfreuenden ihrer Dichtung nichts übrig bleibt, alsdie Blutspur haarsträubender Jndiaucrkämpfe. — Der einzige pädagogische Grundsatz,den man mit ostensibler Sorglichkeit befolgt, ist der, daß man die Erzählung „sittlichrein" zu halten sucht. Aber die Vorsicht besteht meist nur darin, daß man daserotische Element aus den: Bilde des Lebens zu streichen sucht, während dagegen einwenig Scheinhciligkcit, eitle Wohlthätigkcit, Ehrgeiz und Egoismus ganz anständigunter der allgemeinen Tugendfirma mit in den Kauf gegeben werden. — Nur inneuester Zeit bemerken wir hier und da eine Rückkehr zur Natürlichkeit, wie z. B.Ottilie Wildermuth, eine Meisterin im Erzählen, mehr und mehr ans einfache
*> Unter diesen Ausnahmen möchten wir auch die englische Schriftstellerin E. Sewellnamentlich hcrvorheben. deren „Emmy Herbert" (in deutscher Uebersetzung empfohlen von Schubert)zu den besten Lefeschriften für junge Mädchen gehört. Weniger gelungen dürften die für diereifere Jugend bestimmten Arbeiten von Grace Kennedy genannt werden.