Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
679
Einzelbild herunterladen
 

Jugcndlcctürc, Jugendliteratur.

679

ist noch jetzt besser, als tausend unserer modernen Kinderschriften. An den volks-thümlichcn Salzmann schloß sich in vornehmerem Stile Kaspar Friedr. Lossiusan. SeinGumal und Lina" (17951800, 3 Bde.) ist die Vermählung desRonsseau'schen Natnrkindcs mit dem modernen Christcuthum, und seine moralischeBildcrbibel (18051812) ist ein wohlgemeinter Versuch, in eleganter Form zur bib-lischen Geschichte zurückzuführcu und der profanen moralische Nutzanwendungen abzu-gcwinncn. Nur daß die kleinen Leser, wenn sie in Gumal und Lina an den Engelnund Kannibalen des Naturzustandes und den anziehenden Situationen des ersten Bandessich entzückt hatten, die folgenden zwei Bände christlicher Katechese aus die Seite warfen,und daß die pretiösc Form und moderne Anschauungsweise der Bilderbibel weder dembiblischen noch dem profanen Stoff recht,entsprechen wollte. Noch fruchtbarer und kaumweniger beliebt war der in Sckmcpfenthal gebildete Wiener Consistorialrath JakobGl atz, der von 1800 an 21 Bände für die Jugend schrieb, von denen RosalicnsVermächtnis (2 Bände) noch 1836 neu aufgelegt wurde. Au diese moralisirendeSchriftstellern reihten sich zahllose Kindcrschriftcu von ganz verwischtem Charakter an.Nur eine würdigere Erscheinung begegnet uns, der anspruchslose I. A. C. Löhr,der eine anziehende und belehrendeBeschreibung der Länder und Völker der Erde"(4 Bde. 1803) gab und in seinenkleinen Geschichten" (1799), seinen Fabeln undbesonders in seinenkleinen Plaudereien für Kinder, welche sich im Lesen üben wollen"(neuerdings von A. F. E. Vilmar herausgcgcbcn),aus tiefer innerer Erfahrungheraus einfach, wahr, treu und fromm" erzählt.

4) Ganz eigeuthümlich in ihrer Art und die einzige Sckrift von bedeutendemund nachhaltigem Wcrthe, die in jener Periode hcrvortrat, sind die Palmblättcr,erlesene morgcnländischc Erzählungen (4 Thcile 17871800), ausgcwählt vonHerder, deutsch bearbeitet von A. L. Licbeskiud (neu hcrauSgegcbcn von Krum-machcr 1831), eine reiche Quelle, aus der bis in unsere Zeit die Chrestomathien zuschöpfen pflegen.

Bereits im I. 1787 mußte Friedr. Gedikc klagen:Keine einzige literarischeManufactur ist so sehr im Gange, als die Büchcrmacherei für die Jugend. Der ver-diente Beifall, den Campe, Weiße, v. Rochow, Salzmann fanden, lockte eineunabsehbare Schaar von Scriblcrn herbei, die wie hungrige Heuschrecken über dasneue Feld hcrficlcu. Jeder glaubte sich gut genug. Studenten und Caudidaten,deutsche und lateinische Schulhalter, angehende Erzieher und Nichterzieher, kurz alles,was Hände zum Schreiben oder auck nur zum Abschrcibcu hat, verfertigt Bücher fürdie liebe Jugend, und Väter und Mütter werden nicht müde, den Tand zu kaufenoder wohl gar zu brauchen."

5) Erst die Zeit der Freiheitskriege begann den leichtfertigen Eifer der Kiuder-buchmachcrci etwas zu dämpfen, und in dieser Zeit fand man auch wieder Raum, dasInteresse des Alters und der Jugend um eine gemeinsame Lectürc zu sammeln; so umPestalozzi's Licnhard und Gertrud (1781), ein Buch, das unterjenem Schwallseichter und durch Entnervung sittenvcrderblicher Bücher einzig dasteht in seiner Einfaltund L>chlichthcit, mit der cs dem Volke seinen Gesichtskreis entlehnt und seine Dcnk-und Handlungsweise und die Freude des häuslichen Lebens schildert, um es an sichselbst und innerhalb seiner Sphäre fortzubilden" (Gcrvinus V. 352.). AuchBeckers Noth- und Hülfsbüchlein (2 Bde. 1814), das sich, namentlich in denMittelständen, weit verbreitete, wurde von den Knaben ohne Arg gelesen, und nochmehr erfreuten sie sich an der heitern Naivctät und den köstlichen Schwänken vonHebels Schatzkästlein. Selbst an TieckS romantischen Werken, namentlich auseinen neu aufgefrischtcn Volksbüchern gönnte man der Jugend einen Anthcil; undohne diese Gunst stahl sie sich in die Ritterromanc Fouqus's und wohl auch anderer-em, um sich in einer Romantik zu berauschen, die kräftiger und vielleicht auch un-schädlicher wirkte, als die schwächlich kleinen Helden der Kindergeschichten.

6) In dieser Zeit traten aber auch drei bedeutendere Erscheinungen in der Jugend-literatur hervor. Der liebenswürdige Attikcr Friedrich Jacobs schrieb seinenAlwin und Tbeodor 1802, in den, die Episode aus der französischen Revolution, dieZigcunergeschichtc u. m. a. fast elastisch sind, und weiter Rosalicns Nachlaß (2 Thle.1812), Feierabende in Mainau (2 Bde. 1820), und Aehrenlese aus dem Tagebuch