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1 (1877) A - Liebe
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Jugendlectüre, Jugendliteratur.

und die Schulkomödie fanden hier eine, freilich carikirte Fortsetzung im Kinder-schauspiel. Mit dem Jahre 1776 brach eine ganze Flut von solchen Spielenherein. Diese Kinderschauspiele waren ein sprechendes Zeichen ebensowohl von der bisin den Schoß der Familien eingedrungencn Theaterliebhaberei, wie von den pädagogischenExperimenten jener Zeit. Die meisten zielen auf Redegewandtheit, höfische SitteTournüre und SittenbildunH der Kinderwelt, aber die Ausschließung aller männlichenMotive und dieBeschränkung auf eine in lauter Liebreichheit unnatürliche Kinderweltmachen diese kleinen Stücke entweder langweilig für Kinder oder zu unwillkürlichenSatiren auf die Verfasser" (Gödete 1095). So kläglich und zugleich so charakteristischwar auch hier der endliche Verlauf der Jugendliteratur, daß eben zu der Zeit, als mitGöthe's Götz das Nationalschauspiel zu neuem selbständigem Leben gelangte, die ur-sprüngliche Heimat desselben, das Jugendschauspiel, zu kindischer Gehaltlosigkeit herabsank.

2) Noch entschiedener im philanthropistischcn Sinne und zugleich bedeutender undnachhaltiger wirkte die durch Joachim Heinr. Campe cingcführte Jugendliteratur.Sein Robinson (1780) war, was den Stoff anbelangt, der glücklichste Griff, den einKinderschriftsteller jener Zeit thun konnte: der Zug der Jugend nach Fremdem, Fernein,Abenteuerlichem und der pädagogische Enthusiasmus für Rousseau'sche Jdealnaturzn-stände und selbsterfinderische Thätigkeit fanden auf Robinsons wüster Insel ihre all-seitige Befriedigung. Rousseau hatte den Robinson Crusoe als den köstlichsten Büchcr-schatz seines Emil gepriesen; schon war er bis zum Jahr 1760 in 40 verschiedenenRobinsonaden nachgebildet worden. Aber erst Campe's Robinson wurde die Bibel derKinderbücher und durch ihn Campe zum Koryphäen der Kinderschriftsteller. Noch jetztist er fast das gelesenste aller Kinderbücher, obgleich seitdem wieder mehr als 20 Robinsone,darunter der «schweizerische von Wiß und der neue Robinson von G. H. v. Schubert(184853, 3 Äusl.) und auch eine Ilebersetzung des echten Robinson (1841) er-schienen sind. Und dennoch' ist die Kritik darüber einig, daß an Campe's Robinsonfast nichts gut ist, als das, was nicht von Campe herrührt.Von der hohen Poesiedes ursprünglichen Robinson Crusoe ist hier wenig zu finden; ebenso wenig von dessentiefem Gedankcngehalt; alles geht hier nur auf eine nüchterne Moral und auf eineganz entsetzlich altkluge Anpreisung mechanischer Fertigkeiten und Geschicklichkeitenhinaus; aber der Stofs ist so unverwüstlich, daß er selbst in dieser breiten Verwässerungseine hinreißende Anziehungskraft behauptet" (H. H ettner, Robinson und die Robin-sonaden, 1854). Fast ebenso glücklich war der Griff, den Campe in seinerEntdeckungvon Amerika" 178182, 3 Bde. that; auch hier hat die schulmeisterliche Zurichtungdas Interesse an dem anziehenden Stoff um so weniger abzuschwächen vermocht, alsdie langweilig docircnden Zwischengesprächc (wie im Robinson) so eingelegt sind, daßder Leser sie leicht überschlagen kann, was auch jeder rüstige Knabe zu thun pflegt.Wo aber Campe diese Stoffe verläßt (in seiner neuen Kinderbibliothek, 6 Bde.177984, seinen Rcisebeschreibungen, 19 Bde. 178593 und besonders in seinemlehrhaftigen Theophron und dessen SeitenstückVäterlicher Rath für meine Tochter"),da wird er selbst Kindern unerträglich, während seine Duodez-Weltgeschichte in Versenzwar Kinder zu amüsiren, aber gewiß nicht zu belehren vermag. Nichts desto wenigerhat noch im Jahr 1831 eine Sammlung seiner Schriften in 36 Bänden erscheinenkönnen. (S. den Artikel Campe.)

3) Neben Weiße's höfischer Kinderwelt und Campe's prosaischen Nützlichkcits-menschen trat eine dritte Gattung von Kinderschriften, die specifisch moralische,hervor.: Der Chorführer der neueren moralischen Kinderschriften wurde Christ. Gott-hold S alz mann, der nicht nur mit seiner Erziehungsanstalt (Schnepfenthal, 1784),sondern zum Theil auch mit seinen Grundsätzen vom Philanthropin sich abgezwcigthatte und, zwar mit geringer Productionskraft und fastohne alle Ahnung eines idealenLebens", aber aus der Fülle einer reinen und edlen Gesinnung heraus sein moralischesElcmentarbuch (1782), sein Sittenbüchlein, die Reisen seiner Zöglinge schrieb undwie mit seinem Karl von Karlsberg (1783) bei den Erwachsenen, so mit seinemJoseph Schwarzmantel (1810) bei der Jugend unermeßlichen Beifall fand. ImTriumvirate ist er vielleicht der schwächste, aber gewiß nicht der schlechteste, und seinSchwarzmantel, der in die Wahrheit volksthümlicher Zeitverhältnisse cinführt undunter der rationalistischen Verdeckung doch eine herzliche Frömmigkeit durchblicken läßt,