Jugcndlcctürc, Jugendliteratur.
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Lectüre der Jugend ein, und namentlich Reineke Fuchs wurde (in ziemlichem Wider-streit mit unfern Begriffen) der Jugend zugänglich (Luther las gern aus ihm bei Tischevor). Einige Fabeln jener Zeit, z. B. des Matthesius dauern noch in unfern Kinderbüchernfort. — Auch moralische Jngendschriften entstanden, z. B. Wickrams Gabriottound Reinhard (1551), desselben „der jungen Knaben Spiegel" (1655) und das„Buch von den 7 Hanptlastern" (1558).
Zur historischen Lectüre diente der Jugend, wie den Erwachsenen, die (legenden-artige) Kaiscrchronik von Gottfried von Viterbo und noch mehr die Fortsetzung derselben(3 Bände in Folio mit Merian'schen Kupferstichen, 1743—59), das Mmntrumeuropnönm von Schlederus und Abelius mit instructiven Illustrationen undneben diesen Sleidan's Chronik (1555, zuletzt 1785 aufgelegt). — Von höchsterAnziehungskraft für die Jugend wurde aber die auf halbwahrem Hintergründe sichentwickelnde geographische Dichtung, die schon die Geschichte Herzog Ernsts putWundern umwob, in den „Reisen des Engländers Mandeville" (1372) in ganzEuropa Interesse erregte, durch die Entdeckung einer neuen Welt immer mehr Nahrungerhielt, endlich in Defoe's Robinson (1719) ein Weltbnch schuf und in der hiernachgebildeten Insel Felsenburg (1731—43, von Tieck erneut 1827) einen das Alter,wie die Jugend fesselnden Zauber entfaltete.
4) Ein Neberblick der vorstehenden Darstellung läßt als wesentlichesErgebnis folgende Puncte hervortreten: In den Zeiten der beginnenden Cultur ver-traten die lebendige Rede und der lebendige Gesang die Stelle der Kindcrlectüre. Wobei fortschreitender Entwicklung die mündliche Mittheilung nicht mehr genügte, da nahmdie Jugend zunächst Antheil an der sparsam zugemessencn Lectüre der Erwachsenen.Zu solcher Lectüre diente das Schönste und Beste der Nationalliteratur, und aus solchenwcrthvollen Schätzen gestalteten sich endlich durch bedachte Auswahl und neue Fassungauch eigentliche Jugendschriftcn.
6. Moderne Jugendliteratur, n. Geschichtliche Entwicklung.Mit der zunehmenden Lockerung des Familienlebens begann die natürlichste Quelle derJngendunterhaltung, die Erzählung der Mütter und Bärer, immer mehr zu versiegenund auch die Gemeinsamkeit der Lectüre des Alters und der Jugend sich zu lösen.Nur Gellerts liebenswürdige Fabeln, vielleicht auch die von Lichtwer und Pfefsel,die Insel Felsenburg und Bücher wie Bunyans Pilgerreise, bildeten noch den Gegen-stand eines gemeinsamen Interesses. Die Jugendliteratur selbst aber verfiel zugleichmit der Nationalliteratur unter dem Einstuß des verderbten Geschmacks und der zu-nehmenden Charakterlosigkeit der Zeit. — Diese Umstände benutzte die thätige Speculationder Roussean-Basedow'schen Schule, um eine eigene, ihren reformatorischen Zweckendienende Kinderliteratur zu producircn, und der Jubel, mit den: ihre Erzeugnisse aus-genommen wurden, bewies, wie sehr man damit für den Geschmack und die pädagogischeRichtung der Zeit das Rechte getroffen hatte.
1) In demselben Jahre, in dem von Rochow mit seinem Kinderfreund (2 Bde.1776) das erste deutsche Schullesebuch und zugleich das Titelwort für eine auch nebender Schule sich entwickelnde neuzeitliche Kinderliteratur gegeben hatte, ließ ChristianFelix Weiße auf Anregung Basedows seinen Kindcrfrcund (24 Bände 1776—82)erscheinen, in dem in der Form einer Unterhaltung im Familienkreise und in gefälligerEinkleidung belehrende Geschichten der verschiedensten Art mit Gedichten und Kinder-schauspielen abwechseln. Durch ihn wurde er zum „Manne der Nation". Der Kindcr-sreund wurde das Liebliugsbuch einer ganzen Generation. Erst nach Weiße's Tod(1804) durfte Nicmcycr, obschon er noch immer „dem Veteranen unter den deutschenKinderfreunden den wohlverdienten Ehrenkranz" zuspricht, es wagen, wenigstens „Mis-griffe in der Wahl, pädagogische Jnconscguenz und den oft verfehlten, selbst nicht edelgenug gehaltenen Kinderton" zu rügen. Und doch ist die ganze Welt der wohl er-zogenen und fristeten Herrchen und Dämch'en des Weiße'schen Kinderfreundes eine un-wahre und kindische. Die erbetene Fortsetzung des Kindcrfreunds aber, „der Briefwechselder Familie des Kinderfrcundes" (12 Bde. 1783—92) fand schon zu jener Zeit wenigerPopularität.
Indes ist bei Weiße und vielen seiner Nachahmer wenigstens noch ein schwacherZusammenhang mit der früheren Jugendliteratur sichtbar. Das alte kirchliche Spiel