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Jugendlcctüre, Jugendliteratur.
licher Art, daß ein Theil desselben bis in unsere moderne-.Literatur hinein sich erhaltenhat. — Diese erste bedeutende Kinderschrift wurde zugleich ein Bilderbuch, mitHolzschnitten ausgestattct, und bald auch ein vielbeliebtes Volksbuch, wie denn überhauptzu jener Zeit die Alten mit den Jungen lasen und das Buch der Eltern auch denKindern nicht versagt sein mochte.
Unter dem Einflüsse der Sorgfalt, welche von der Reformation dem Jugendunter-richte zugewcndet wurde, fühlten auch Poeten sich gedrungen zu den Kindern eigenssich herabzulasscn, so Nie. Hermann (1561), Samuel Hebel (1571),Barthol. Ringwaldt und Thomas Hartmann (1604), Ehr. Donauer(1607), Johann Heermann (1585 bis 1647).
Aber alle diese Dichtungen, sowie die Legende selbst, mußten sich zurückziehcn vorder Bibel, die, namentlich in Deutschland und den Niederlanden, das Familienbuchwurde. Auch die Bildnerei begab sich in ihren Dienst. Die Mcrian'sche Bibel (1630)wurde mit Bildern, die Nürnberger Foliobibel (1641) mit Sandrarts trefflichenKupferstichen, Schülers hl. Schrift sogar mit 200 Kupfern geschmückt. Eine solcheBibel Pflegte, vom Vater auf Sohn und Enkel sich forterbend, Jahr aus Jahr eindie Bilderlust der Kinder und die Lcscfreude der Alten zu sein. Mit der Zeit setztesich aus der Bibel auch ein eigentliches Kinderbuch, die biblische Geschichte, ab. Kaumeine Kinderschrift hat eine solche Verbreitung gefunden, als Hübners biblischeHistorien mit ihren ganz unkünstlerischen und doch so unsäglich anziehenden Kupfer-stichen. Noch lange, nachdem Niemeycr in der Freude über die neuzeitliche Kinder-literatur gesagt hatte, nun werde doch niemand zum alten Hübner zurückkehren mögen,dauerte dieser aus, bis endlich die Bilder- und Leselust der Enkel die letzten Blätterdes Buches zerfetzte, an dein die Großeltern sich crgctzt und erbaut hatten.
Nur zum Theil Lectüre, aber in mancher Hinsicht wirksamer, als Lectüre wardas kirchliche Schauspiel, das in seiner Weise eine unbeschreibliche Anziehungs-kraft auf das ganze Volk übte. In diesem kirchlichen Spiel dienten zunächst Knabenund Jünglinge als Actcurs; und von der Kirche gicng das „Spiel" endlich ganz indie Pflege der Schule über. Die L>chulkomödie blühte (namentlich im 16. und17. Jahrhundert) als hochwichtige Schul- wie Volksangclcgcnhcit. In solchen Spielen,abgesehen von ihrem poetischen Werthe oder Unwerthe, wurde der Jugend nicht ein eigensfür Kmdcr zugerichtcter Stofs geboten, sondern das Größte und Beste, was man demheiligen Gefühle oder wenigstens zur Sättigung des Volksintcresses glaubte bieten zukönnen, ein Inhalt, der bei allem weltlichen Zusatze doch wesentlich die heilige Ge-schichte zum Gegenstände hatte, und, was von großer pädagogischer Bedeutung war,eine Lectüre, die durch Monate lange Arbeit völlig angeeignet, cingeübt und in öffent-licher Darstellung rcproducirt werden mußte.
2) Die classische und nculatcinische Literatur war der Jugend gleichfalls einGegenstand, nicht bloß der Schularbeit, sondern auch der freien Lectüre; wir erinnernhier nur in der Kürze daran, wie Luther den Acsop empfahl, und wie FcnelonsTelemach, „die Krone der politisch-didaktischen Romane," seine Belehrung übermoderne Verhältnisse an antike Zustande anknüpfte.
3) Die nationale Jugendlcctüre gicng vom Volkslied aus. Die Sagen-
poeste des Volkes und mit ihr auch manche sagenhaft gestalteten Stoffe des elastischenAltcrthums lebten sich in die Jugend ein. Umsonst warnte die Kirche (z. B. in der
Einleitung zu der „Sele Trost") die jungen Leute vor den „Büchern von den alten
Recken", die „der werlde tuenden und nit got." — Die Liebe und Ausführlichkeit, mitwelcher viele der Sagendichtungen gerade die Kindheitsgeschichte ihrer Helden undHeldinnen erzählen, könnte auf den Gedanken führen, daß der Dichter solche Partieenausdrücklich für die Jugend geschrieben habe. Die wirklich volksthümlichen, zum Theillegendarisch ausgeschmückten Geschichten von Octavian, Fortunat, dem armen Heinrich,den Haimonskindern, der Melusine, Genovefa, Magellone re. üben noch jetzt, selbst in
abgeschwächter Form und unter ungünstigeren Stimmungen, ihre eiqenthümliche An-
ziehungskraft auf die Jugend.
Auch die volksthümlich didaktische Poesie bot der Jugend ihre Gaben, so derWinsbeke, „einer der theuersten Reste unserer ritterlichen Poesie" (Gervinus I. 426)und die ihm nachahmende Winsbekin. Später tritt auch die Fabeldichtung in die