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Herrnhutisches Erziehungswescn.
rern nur Lehrerinnen, für deren Ausbildung aber die Brüdcrgemeine kein eigenesSeminar hat, und die daher entweder in den Anstalten selbst zugezogen und durchPrivatunterricht weiter gefördert werden, oder von auswärts her gesucht werdenmüßen.
Die Zöglinge sind in Gesellschaften von 10 — 15 eingetheilt, welche zusammenwohnen, während zu den Mahlzeiten und zur Nachtruhe, meist auch zur Morgen-andacht, das ganze Institut zusammen kommt. Jede Gesellschaft ist einem Ober- undeinem Unterlehrcr zur besonderen Aussicht übergeben. Dem Unterricht sind durch-schnittlich 6—7 Stunden täglich gewidmet, den Vorbereitungen und Repetitionen 3—4den Mahlzeiten und der Erholung 5—6, dem Schlaf 8—9. Das Turnen ist in denKnabeninstituten jetzt allgemein Lehrgegcnstand, wo es sein kann auch daö Schwimmen'in vielen finden auch regelmäßige militärische Exercitien statt. Häufige freie Spieleund Spaziergänge werden mit Vorliebe gemacht. Der UmgangSton zwischen Lehrernund Zöglingen ist ein vorwaltend freundlicher, vertrauensvoller. Die nöthigen Strafensind möglichst einfach, nur in seltenen Fällen körperlich. Jemehr hier der Erziehermit der Jugend lebt, und, selbst meist noch jung, sie versteht, desto weniger bedarfes im allgemeinen einer harten Zucht. Allerdings ist öfters ein zu jugendliches Altereintretender Lehrer, sowie ein noch jetzt mitunter zu häufiger Wechsel derselben einHindernis für die rechte Erfahrungsreife der Erzieher. Indes hat theils der Inspektorum so mehr bestimmenden Einfluß, theils kommt die gleiche Vorbildung der meistenLehrer zu Hülfe, und am tiefsten wirksam ist endlich der den Einzelnen wie das Ganzetragende Gesammtgeist der Brüdcrgemeine, welcher den Erzieher von vorn herein aufden freien, aber festen Grund langerprobter Erfahrung und enger Gemeinschaft desGlaubens und Lebens, Denkens und Handelns stellt. Es ist hier ohne Namen undForm eine solche Corporation für Erziehung und Unterricht, nach Art der Brüderdes gemeinsamen Lebens, vorhanden, wie 1)r. Wiese*) sie für weitere Kreise wünscht.Ein großer Segen dieses Verhältnisses ist der, daß es infolge davon weniger der aus-drücklichen Betonung des christlichen Namens und der ängstlichen Durchsetzung beson-derer Maßregeln bedarf, wodurch so leicht die Einfalt und Freiheit gestört wird, ohnewelche das jugendliche Leben nicht gedeihen kann. Ohne verschlossene Thüren undstreng polizeiliche Aufsicht kann die Jugend in dieser verhältnismäßig ländlichen Zu-rückgezogenheit sich frei und fröhlich bewegen. Die kleinere Zahl macht eine geordneteAufsicht dabei um so leichter und erlaubt die speciclle und lebendige Berücksichtigungder Individualitäten. Dabei wirkt der fortwährende Umgang der Zöglinge mit demErzieher in Arbeit und Spiel in stiller, aber erfolgreicher stÜeise, ohne daß doch derLehrer dadurch übermäßig angespannt und so ermattet würde. Ebenso ist die tägliche,freie Lebensgemeinschaft der Zöglinge unter einander ein kräftiges Bildungsmittel,welches um so wohlthucnder wirken kann, weil es an der nothwendigen Wiederzurück-führung des kindlichen Gemüths in den Lebensgrund der Familie nicht fehlt.
Durch das Zusammenwirken aller dieser Umstände kann diese Erziehung einenGesammtton echt christlichen, innigen und doch freien, ernsten und doch ungekünsteltenGemeinschaftslebens bekommen, wie die Jugend, zumal unsere deutsche, dessen zu ihrergesunden Entwicklung bedarf. Die Geschichte und Erfahrung hat aber auch das un-zweideutig in diesen Kreisen gelehrt, wie alle jene angeführten äußeren Vorthcile desErziehungssystems unwirksam werden, wenn die Seele desselben, der lebendige, christlich-evangelische Geist unter den Führern der Jugend, entweicht oder krankt. Dies ist dieUrsache des periodischen oder gänzlichen Verfalls manches von diesen Brüderinstitutengeworden. Derartiges ist jedoch immer nur Ausnahme geblieben, und im allgemeinenist vielmehr in den letzten Jahrzehnden ein kräftiger Hauch neuen und gesunden Lebensaus dem innersten Herzen des Werkes in dessen einzelne Theilc gedrungen. DurchGottes Gnade hat sich dasselbe, vermittelst einer durchgreifenden Erweckung an demHerd dieser ganzen Jugendbildungsthätigkeit, im Pädagogium zu Nisky, (1841) ausseinem eigenen, göttlichen und geschichtlichen Grundprincip heraus erneuert. Unter
*) Vgl. deutsche Zeitschrift für christliche Wissenschaft und christliches Leben, 1851: Ueberdie Stiftung neuer christlicher Gymnasien, S. 146 ff.