Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Herbart.

Störend für den Anfang der sittlichen Bildung sei jede lebhafte und dauernde Reizung,die dem Gefühl von sich eine Hcrvorragung gebe. Dies könne geschehen durchLust und Unlust, durch Krankheit, durch ein reizbares Temperament, durch harte Be-gegnung, häufige Neckerei, Vernachläßigung der Sorgfalt, die den Bedürfnissen desKindes gebührt, durch alles, was Eitelkeit und Eigenliebe nährt, und deswegen seidem Kinde eine Umgebung nöthig, deren Stimme, gleichsam eine öffentliche Meinung,die Censur seines Thuns richtig vernehmen lasse, ohne sie durch kränkende Zusätzewidrig zu machen. Ferner müße in dieser Periode das Zartgefühl des Kindes durchEntfernung alles dessen, was die Phantasie an das moralisch Häßliche gewöhnenkönnte, geschont und begünstigt werden. Aber diese Vorsicht würde bei zunehmendenJahren zu einem Fehler werden; denn Verzärtelung sei auch in sittlicher Hinsichtdas schlechteste Mittel, den Menschen gegen Schädlichkeiten sicher zu stellen, und diesittliche Warme entstehe großentheils aus der inncrn Arbeit und Aufregung, in welcheallmählich die schon vorhandene Kraft durch die Stacheln des äußern schlechten gesetztwerde. Aber freilich sei hierbei eine beträchtliche Stärke schon gegründeter Moralitätvorausgesetzt. Die besten und wirksamsten Kräfte der Zucht liegen nicht in jenenMaßregeln, welche sie mit der Negierung gemein hat, nicht in Anwendung von Befehl,Drohung, Aufsicht, Strafe, sondern sie ist vor allem eine stetige Begegnung, mitder stillen und allmählichen Wirkung des vollen persönlichen Seins im fortgesetztenUmgänge. Hiermit aber verbindet sich eine ihr eigentümliche Maßregel zum Ein-greifen im geeigneten Fall. Dies ist der Beifall, den sie spendet, und sie sucht des-wegen nach schon vorhandenen Charakterzügcn, welche das Herz des Erziehers zu ge-winnen verdienen, um dem Zögling sein besseres Selbst durch die bestätigende Kraftdes Beifalls hervorzuhebcn. Herbart nennt dies Verfahren, durch verdienten Beifallzu erfreuen, die schöne Kunst der Zucht, der freilich ihr Gegentheil, die traurigeKunst, dem Gemüthe sichere Wunden beizubringcn, ergänzend zur Seite stehe.

Es fragt sich noch schließlich: Wie dachte Herbart über die Kreise und Lebensformen,in denen die Erziehung sich anbaut, insbesondere über Schule und Haus und ihrVerhältnis? Wie urtheilt er über das Verhältnis der Erziehung zum Staat und zurKirche? Wir finden über diese Fragen Ausführlicheres in mehreren seiner Special-schriften.*) Fürs erste ist Herbart der Schule als solcher abgeneigt. DieMenge und Verschiedenheit der in einer Elaste vereinigten Zöglinge scheint ihm un-vereinbar mit der nöthigen Sorge für den Einzelnen. Die Schulen sind ihm daherNothhülfen". Die Erziehung müße, so fordert sein Ideal, in kleinern gewähltenKreisen vollzogen werden. Solch ein Kreis aber ist nun wiederum die Familienicht; denn hier kann die erziehende Kraft in zureichender Ausbildung nicht voraus-gesetzt werden. Nun böte sich das Erziehungsinstitut dar, und Hcrbart wäreihm, bei mäßiger Ausdehnung, nicht abgeneigt. Allein er legt zu viel Werth aufdie eigentümlichen Einflüsse des Familienlebens, als daß er die Erziehung von derFamilie trennen möchte. So scheint nur das Hauslehrerverhältnis übrig zu bleiben.Auch ist Herbart dieser Einrichtung recht günstig; hier sei, so urtheilt er, die eigent-liche Schule des Erziehers. Doch erkannte er wohl, daß in diesem Verhältnis derErzieher zu wenig selbständig sei, als daß es anders als vorübergehend und wechselndsein könnte; zu geschweige,,, daß es niemals zu allgemeiner Anwendung kommen kann,so wendeten sich denn seine Gedanken zurück zu dem Gegensätze von Haus undSchule, als den beiden zu gegenseitiger Ergänzung bestimmten Erziehungskreisen,und er bemüht sich, ein engeres Band zwischen ihnen zu stiften. Dieses Band sollder Erzieher sein, ein praktisch und theoretisch durchgebildeter Pädagog, der Vertrauenund Ansehen genießt wie bei der Schule so bei einer Anzahl von Familien, denen erals Helfer und Berathcr seine Dienste widmet. Dieser wird nicht in allem selbstdie Kinder unterrichten, er wird Gesprächsstundcn halten und die schriftlichen Uebungen

*) Siehe: Ueber Erziehung unter öffentlicher Mitwirkung, Ueber Einrichtung eine?pädagogischen Seminars, Ueber das Verhältnis der Schule zum Leben, Ueber das Ver-hältnis des Idealismus zur Pädagogik, endlich: Briefe über Anwendung der Psychologie ausPädagogik.