Herbart.
609
,md Wiege seiner pädagogischen Wissenschaft angesehen werden. Die schriftlichenBenote, welche er oo» Zeit zn Zeit dem Vater seiner beiden Zöglinge über den Gangund Erfolg seiner Bemühungen abstattcte (abgedruckt in den sämmtl. W. Bd. XI.),lassen schon mehrere der charakteristischen Züge der später von ihm auSgcbildetenpädagogischen Theorie deutlich erkennen.
Pestalozzi kam damals von Stanz zurück; sein Wirken daselbst zog aller Augenauf ihn. Er lebte nachher.zu Burgdorf als Volksschullehrer. So war bei der Nähedes Ortes eine persönliche Begegnung und ein näheres Eingehen Herbarts in denGedankenkreis und die Methode Pestalozzi's wie von selbst gegeben. Daraus folgtfreilich nicht, daß Herbarts pädagogisches Forschen erst durch Pestalozzi angeregt undentzündet worden sei. Denn Pestalozzi begann erst 1799 seinen Unterricht zu Burg-dorf. Und schon in den ältern Berichten Herbarts an den Herrn v. Steiger aus denZähren 1797 und 98 finden wir die bestimmteste Andeutung einer werdenden Theorie, jaeines ansgcbildctcn Studienplancs aufgestellt. Fragen wir weiter, ob Pcslalozzi's Ge-dankenkreis und Beispiel nicht dennoch auf die Gestaltung und Ausbildung der Herbart'-schen Theorie von wesentlichem Einstuß gewesen sei, so ist aus den eigenen Aeußerungen
H. 's (vgl. seinen Aufsatz vom Jahr 1802 über die Schrift Pestalozzi's: „WieGertrud ihre Kinder lehrte" — sämmtl. W. Bd. XI. — und seinen 1804 zu Bremengehaltenen Vortrag: über den Standpunct der Beurtheilung der Pestalozzi'schenUnterrichtsmethode — sämmtl. W. Bd. XI. und kleinere Schriften Bd. I.) zu er-kennen, daß Hcrbart zwar den schweizerischen Pädagogen bewunderte, jedoch von An-fang an selbständig ihm gegcnübcrstand und zu keiner Zeit sein Anhänger oderSchüler genannt werden konnte. Er saßt erstens von Pestalozzi's Erziehungsmethodenur dasjenige, was seiner eignen Richtung entsprach, die objective Seite, den Unterricht,ins Auge, und scheint das andere, die Einwirkung auf das Gemüth durch die Machtdes persönlichen Einflusses, des liebreichen Handelns und der aus dem Herzen quellendenRede damals gar nicht beachtet zu haben. Er blickt ferner bei seiner Anerkennungder Pestalozzi'schen Unterrichtsmethode gleich anfangs über die Grenzen derselbenhinaus, betrachtet sie als ein einzelnes Moment und denkt darauf, sie zu ergänzen.Und endlich da wo er beistimmt, thut er es aus Gründen, die ihm eigen sind, aufGrund einer psychologischen Ansicht, welche durchaus nicht diejenige Pestalozzi's war.
H. verließ die Schweiz im I. 1800 und brachte zunächst einige Jahre in Bremenzu. Auch hier finden wir ihn pädagogisch beschäftigt; er bereitete einen jungen Mannfür die Universität vor und hielt pädagogische Vorträge für Frauen. 1802 erösfneteer seine akademische Wirksamkeit in Göttingen als Privatdocent und wurde wenigeJahre nachher außerordentlicher Professor. Zu den Wissenschaften, über welche erlas, gehörte gleich anfangs auch die Pädagogik und schon unter seinen Disputations-thescn finden wir pädagogische Sätze. 1809 folgte er einem Rufe nach Königsbergals ordentlicher Professor für Philosophie und Pädagogik. Während dieses Königs-berger Aufenthalts, der bis 1833 fortdauerte, erreichte er den Höhepunct seiner wissen-schaftlichen Thätigkcit und seines akademischen Einflusses. Zwar fallen seine be-deutendsten schriftstellerischen Leistungen im Felde der Pädagogik theils schon in diefrühere Göttinger Zeit, theils in die späteren Jahre — so daß gesagt werden kann,«r habe in diesem Gebiet, das seinem Herzen am nächsten lag, seine Laufbahn alsSchriftsteller begonnen und beschlossen —; doch war auch in pädagogischer Beziehungfeine Wirksamkeit in Königsberg sehr bedeutend, da er theils über die Theorie zahl-reich besuchte Vorlesungen hielt, theils auch durch Gründung und Leitung eines päda-gogischen Seminars und einer damit verbundenen Musteranstalt für Unterricht undErziehung seine Ideen praktisch zu bewähren und geltend zu machen strebte. Das
I. 1833' führte ilm wieder nach Göttingcn an Schulze'S Stelle; und auch hier warsein Einfluß auf die Jugend, wenn auch weniger weitgreifend als in Königsberg, dochimmerhin ein bedeutender. Er starb von vielen lebhaft betrauert zu Göttingen am14. August 1841.*)
*) Hauptquelle über Herbarts Lebensumstände sind die biographischen Mittheilungen,welche Hartenstein in der Vorrede zu seiner Ausgabe der kleineren philosophischen SchriftenHerbarts gegeben hat.
Padag. Handbuch. I.
39