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Herbart.
Schon 1806 erschien H.s pädagogisches Hauptwerk: Allgemeine Pädagogik ausdem Zweck der Erziehung abgeleitet. Nächst diesem am wichtigsten ist sein letztespädagogisches Werk: Umriß pädagogischer Vorlesungen. Es erschien zuerst 1835, so-dann in zweiter sehr verstärkter Ausgabe 1841. Außerdem hat Herbart in einerReihe von Schriften meist kleineren Umfanges theils einleitende Betrachtungen gegeben,theils besondere Fragen der Pädagogik abgehandelt. Von diesen Schriften verdienenbesonders genannt zu werden die „Aphorismen zur Pädagogik", eine reichhaltigeSammlung von Erfahrungen und Betrachtungen, wo manche Frage eingehender, dazumit mehr praktischer Wärme abgehandelt wird als in den systematischen Haupt-schriften.
I. Um Herbarts pädagogische Ansicht im ganzen vorläufig zu charakteri-siren, wird es uns gestattet sein, eine Vergleichung zu Hülfe zu nehmen. Es bietensich zwei Kunstgebiete dar, in welchen eine Analogie mit der Kunst der Erziehunggefunden werden kann, auf der einen Seite die bildenden Künste, auf der andern dieGärtnerei und die Pflanzencultur überhaupt. Wer den Erzieher mit einem Gärtnervergleicht, setzt in der Seele des Zöglings eine ursprüngliche Tendenz und Anlagevoraus, deren Pflege dann die Aufgabe der pädagogischen Kunst ist. Wer dagegendie Erziehung nach der Aehnlichkeit einer bildenden Kunst betrachtet, wird der Ansichtsein, daß die Thätigkeit der Seele ihre ersten Kräfte und die Anbahnung ihrer Rich-tung ohne Mitwirkung eines ursprünglich entsprechenden Innern allein durch äußereEinflüsse empfange. —- Auf letzterer Seite steht entschieden Herbart. In der mensch-lichen Seele liegt, nach seiner Ansicht, keineswegs „wie in der Pflanze und allenthierischen Körpern eine feste Anlage." Nur seinem Körper nach ist der Mensch „einDing, das seine künftige Gestalt wie im Keime mit auf die Welt bringt." Dermenschliche Geist dagegen ist gleichsam „eine Maschine, die ganz und gar aus Vor-stellungen erbaut ist." Menschliche Kraft arbeite bloß das aus, was sie empfangen;darum komme es so sehr darauf an, was man ihr gebe. Erziehen sei daher rechteigentlich ein „Geben und Entziehen", keineswegs eine bloße Aufsicht und Wartung,wie unsere Gärtnerei. Indessen verwirft Herbart bei diesem architektonischen Charakterseiner Erziehungsansicht das Gleichnis gärtnerischer Behandlung nicht durchaus; erräumt ihm Bedeutung ein für den weitern Verlauf der Erziehung, nachdem der An-fang gemacht und nun schon wirksame Grundlagen vorhanden seien. — Der starkeGegensatz ist es, der uns hier an die von Fr. Fröbel ausgegangene Erziehungsweiseerinnert. Denn wie bei Herbart das architektonische Princip herrscht, so wird in derFröbel'schen Schule das entgegengesetzte, durch das Symbol der Gartenkunst ange-deutete sehr entschieden vertreten. Wir glauben, daß beide Anschauungen gegen ein-ander sich auf Wahrheit berufen können, daß aber auch beide die volle Richtigkeitverfehlen. Gewiß muß man mit Fröbel eine ursprüngliche Anlage der seele an-erkennen, und dennoch wird man bei unbefangener Betrachtung der erfahrungsmäßigenWirklichkeit sich überzeugen, daß diese Anlage bei den meisten Menschen keineswegsjene Kraft besitze, wodurch sie im Stande wäre, ohne die Grundbedingung einer sorg-fältigen Tradition und willigen Aufnahme der vorhandenen Cultur im Erziehungs-wege auch nur einigermaßen zu einer das Leben wirklich bestimmenden Macht zugelangen. Sollten wir also selbst ein Gleichnis suchen, so würde sich, wie wirglauben, der Sache kein anderes so entsprechend anschließen, als jenes von der Ver-edlung eines jungen Stammes durch Einimpfung eines edlen Reises. Dieses Reisbedeutet das Culturleben, welches zunächst im Erzieher lebendig und wirksam, denZögling mit sich zur Gemeinsamkeit des Lebens verknüpft, um eins zu werden miteinem Dasein, das niemals aus ihm selbst hervorgegangen sein würde; aber wie nichtmit jeder Baumart der Wildling gepfropft werden kann, sondern eine nähere Ver-wandtschaft erfordert wird, so würde auch die Erziehung ohne jene alle Menschenverknüpfende geistige Verwandtschaft unausführbar sein.
II. Nothwendigkeit und Möglichkeit der Erziehung. — 1) Die NothWendig-keit einer äußeren Einwirkung auf den unerwachsenen Menschen, damit er wie leiblichso auch geistig erwachse, ist in der schon angegebenen psychologischen Grundvoraus-setzung H.s unmittelbar begründet. Indessen findet Herbart die Erziehung als solchedadurch noch nicht hinreichend motivirt. Denn, wie er mit Recht hervorhebt, schon