Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
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Hausgottesdienst.

Im Alten Testament giebt das Passahmahl dem Hausgottesdicnst Israelseinen göttlich gesetzlichen Stützpunkt und erscheint auch in seinen einzelnen Bestimmun-gen als ein höchst inhaltrciches Vorbild des Hausgottesdienstes überhaupt. Es isthiedurch eine Weise der häuslichen Gemeinschaft gegeben, infolge der sie ihre Selb-ständigkeit gegenüber von dem öffentlichen Gottesdienste durch alle Zeiten des AltenTestaments ausrecht erhielt und damit zugleich die Gelegenheit darbor, die öffentlicheGemeinschaft des Gottesdienstes im Neuen Testamente wieder aus der ursprünglichenWurzel der Familie aufsprossen zu lassen. Im Neuen Testamente traten sodannauch die deutlichen Formen des Hausgottesdienstes hervor. sApostelgesch. 2, 48.20, 7. 10, 24 ff. 16, 13 ff. 20, 20.) Dazu kam die erhabene Anschauung von Ehe,Kindschaft u. dgl., so daß die häusliche Gemeinschaft einer gläubigen Familie als eineigentlicher Spiegel ewiger Dinge erschien und demgemäß auch behandelt zu werdenden Anspruch hatte.

War mit diesen Anschauungen des Neuen Testaments die Idee des Haus-gottesdienstes unverkennbar gesetzt, so trat die Sache selbst doch in der kirch-lichen Entwickelung gar nicht als ein Gegenstand des bewußten Thuns und deswissenschaftlichen Verständnisses hervor. Das Leben der Kirche wandte sich bald mitallen Kräften der Ausbildung umfassender Grundgedanken für Umgestaltung des öffent-lichen Lebens zu und überließ das Hauswesen, soweit es nicht unmittelbar mit derKirche zusammentraf, sich selbst. Daher zog der Hausgottesdienst die Aufmerksamkeitvorzugsweise als ein Herd ketzerischer Abweichungen von der katholischen Kirche auffick, oder wurde die Einrichtung desselben hervorragenden Personen als ein Vorrechtbewilligt und war in diesem Fall nur eine Nebertraauna der kirchlichen Formen aufein einzelnes Haus.

Ueberhaupt ist unzweifelhaft, daß der HauSgottesdienst, wie er von uns ver-standen wird, sowohl unter dem ehmaligen als dem jetzigen Israel, und sowohl inder griechischen als der römischen Kirche nicht viel mehr ist als ein Anhängsel desöffentlichen Gottesdienstes. Die eigentliche Stätte seiner Entwicklung findet er erstin der Reformation. Es ist das charakteristische Merkmal derselben, daß sie demIndividuum seine eigenthümliche Entwicklung unbeschadet seiner Zugehörigkeit zumgrößeren Ganzen gewährleisten will. Dieser Grundsatz trifft nicht bloß das Verhältnisder Einzelperson zur Kirche überhaupt, sondern auch das der einzelnen Familie. Daherder Nachdruck, mit welchem die Reformation für den Hausstand als einen der3 Hauptstände in der Kirche eintritt, und der Eifer, mit welchem nun an die Pflegeauch des Hausgottesdienstes Hand angelegt wird. Sind doch Luthers Kirchenliederzuerst in seinem Hause gesungen worden, und seine Hauspostille ist noch heute eingesegnetes Andenken an seinen häuslichen Gottesdienst. Gleichwohl ist auch das Zeit-alter der Reformation noch nicht die Zeit der Hausgottesdienste im jetzigen Sinnedes Worts gewesen. Von einem regelmäßigen Gebete und Bibellcscn, zu dem mor-gens und abends der Hausvater mit der Hausmutter, den Kindern und Dienstbotensich versammelt hätte, erzählen die Berichte aus dem Leben der großen Reformatoren,so viel uns bekannt, nichts. Erst diejenige Periode, welche überhaupt dem sub-jektiven Elemente der Reformation zum Durchbruche geholfen hat, die Zeit desbeginnenden Pietismus, ist als der eigentliche Anfangspunkt des Hausgottesdienstesim neueren Sinn zu betrachten. Von Spener an tritt die Hausgcmeindc, sei sie nuneine natürliche oder durch freiwilligen Anschluß gebildete, als Kirchlein in der Kircheauf und der Kirche gegenüber. Ebendamit gewinnt auch der Hausgottesdienst derFamilie im natürlichen Sinn eine andere Stellung. Er will nicht mehr bloße Fort-setzung der kirchlichen Erbauung im Hause, sondern selbständige und eigenthümliche,geistliche LebenSäußcrung des Hauses als eines besonderen Organs im Reiche Gottessein. Das ist der neuere Begriff des Hausgottesdienstes auf evange-lischem Boden, welchem nicht sowohl die kirchliche Idee des geistlichen Opfers, derAnbetung Gottes, als vielmehr die der Erbauung im neueren protestantischen Sinnezu Grunde liegt.

Wesentlich ist dem Hausgottesdienste nach dem Gesagten, daß das Haus alsGanzes nach seinem Organismus dabei sich darstelle. Der Vater ist das Hauptder Hausgemeinschaft wie im'Reich" so imOpfer". Die Mutter ist