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Gewissen, Gewissenhaftigkeit.
daß wir in vielen Stücken das Gute und Böse erst aus der Gcwissensunruhe kennenlernen, die uns die Unterlassung des einen, die Begehung des andern verursacht. Ausdiesem Wege, aber auch nur auf diesem, wirkt das Gewissen auf die Erkenntnis, d. h.gesetzgebend. — Wenn aber auch von einem guten Gewissen gesprochen wird, so kannvon einem Lohne, der das Correlat der Strafe im Gewissen wäre, in Wahrheit nichtdie Rede sein, so wenig als ein Gerichtshof diejenigen belohnt, die er nicht verurtheilenmuß oder die gar nicht angeklagt sind. Allein auch ein Apostel kann sagen, seinRuhm sei das Zeugnis seines guten Gewissens (2 Kor. 1, 12. Ap. G. 24, lg.Hebr. 13, 18.) Indessen ist doch ebenso klar, daß solch eine Appellation immer nurdann eintritt, wenn ungerechte Anklagen vorausgegangen sind. Das gute Gewissenist sonach etwas negatives; es bezeichnet die Abwesenheit jenes Momentes, das wiroben unter Ziff. 2 im Begriff des Gewissens aufgezeigt haben. Darüber, was positivan mir ist, sagt das gute Gewissen eigentlich nichts aus. Wie wenig damit in jenerAllgemeinheit, wie eS der Pelagianismus thut, die eigene Fleckenlosigkeit behauptetwerden will, drückt Paulus 1 Kor. 4, 4 in den Worten aus: „ich bin mir wohlnichts bewußt, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt."
Wir haben bis hieher absicktlick von jeder Beziehung des Gewissens auf GottUmgang genommen, denn das Gewissen ist nicht an sich schon Bewußtsein der Heilig-keit Gottes, religiöses Selbstbewußtsein, wie es von mehreren neueren Ethikern gefaßtwird. Will man mit Rothe sagen, das Gewissen sei sinnlich empfindbare ThätigkeitGottes im Menschen, so ist daran zwar vollkommen richtig, daß es Thätigkeit Gottesist; aber daß Gott der Wirkende ist, das ist nicht ein Theil des im Gewissen aus-gehenden Bewußtseins selber, sondern wird erst durch ein von positiver göttlicherOffenbarung her ins Innere fallendes Licht zu einem Moment des Bewußtseins er-hoben. Derjenige nämlich, in dem das Gewissen arbeitet, muß sich fragen: wasmachts doch, daß ich seine Erinnerungen schlechterdings nicht loswerdcn kann? undwoher kommt doch die Gewissensangst? Auf diese Frage, die aber nicht das Gewissenselbst, sondern im Blick auf die Thatsachc des Gewissens der erkennende Geist stellt,giebt auch nicht das Gewissen die Antwort, sondern, wenn darauf die Antwort folgt:es ist ein Gott! so bekommt der Mensch diese nur durch die Selbstosfcnbarung Gotteszu vernehmen, wie sie als Uroffenbarung am Anfang schon eintritt und von dort ausals Tradition dem Glauben der Völker gegenwärtig geblieben ist. Jene Frage istsomit parallel der Frage, die derselbe erkennende und forschende Geist an die War-nehmung des Weltalls knüpft: woher das alles? Aber wie diese Frage so führt auchjene nicht mit Zwang zur Anerkennung Gottes. Wer dagegen willig ist, die geschicht-liche Kunde von einer Selbstofsenbarung Gottes dankbar anzunehmen: der hat daraneinmal die Lösung jenes Näthsels in Betreff der wundersamen Macht des Gewissens.Sodann wird dem Gewissen gezeigt, vor wem es sich durchs Bekenntnis zu entlastenhabe, bei wem Vergebung zu finden sei; durch die vergebende Gnade erst wird imvollen evangelischen Sinn das Gewissen ein gutes, vgl. 1 Petri 3, 21. Endlich aberwirkt die Erkenntnis Gottes aufs Gewissen selber mächtig zurück; es wird namentlichjetzt erst sich selber klar, seiner Sache gewiß und gesichert vor Verirrungen.
Das führt uns noch auf Folgendes. Wie die Sünde erst die Gewissensfunctionins Leben gerufen hat, so vermag sie auch dieselbe in ihrer Wirkung zu hemmen oderirre zu leiten. Es kann in einem Individuum die böse Lust durch Zustimmung desWillens so überhandnehmen, daß der sittliche Trieb allmählich erlahmt; die Nicht-befriedigung desselben, die im Anfang die Neaction des Gewissens hcrvorrief, wird,wenn sie beharrlich sich fortsetzt, diese müde machen und zuletzt zum Schweigen bringen;dann ist der Mensch zu allem fähig — er ist gewissenlos. Der Gegensatz hiezu istdie Gewissenhaftigkeit. So hoch wir bei dem einmal factischen sittlichen Zustande desMenschengeschlechtes die Gewissenhaftigkeit stellen, so haben wir doch oben gesehen,daß zwischen ihr und der reinen, positiven Tugend noch ein Unterschied besteht; daherkann cs kommen, daß sie auch gerade den Mangel an dieser verrathen kann. Dennder Gewissenhafte, wenn das sittliche Leben in ihm ausschließlich durchs Gewissenbestimmt ist, kann möglicherweise in eine Aengstlichkcit und Scrupulosität gerathen,die ihn zu keinem raschen, entschlossenen, freudigen Handeln kommen läßt. Bei Naturendagegen, wo die Antriebe zum Guten nicht bloß aus dem Gewissen, sondern direct