Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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583
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Gewissen, Gewissenhaftigkeit.

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aus dem sittlichen Triebe, ims der Liebe stammen, ist die Gewissenhaftigkeit nichts,als die Fertigkeit und feste Gewohnheit, bei allem Handeln sich erst zu versichern,wie sich das Gewissen dazu verhalte. Dadurch, daß der Gewissenhafte diese Regelunausgesetzt befolgt, wird einerseits sein Gewissen so lebendig und kräftig, daß es aufjede Anfrage augenblicklich klare und bestimmte Antwort gicbt, und andererseits wirdder Wille so geübt, sich dem zu fügen, daß ein Zwiespalt zwischen Sollen und Wollenselten mehr fühlbar ist; der Gewissenhafte kann auf diesem Wege zu solch einer Sicher-heit und Klarheit im Wollen und Handeln gelangen, daß zwischen solcher Gewissen-haftigkeit und jenem reinen und steten Thun des Guten aus Liebe kaum mehr einUnterschied warnchmbar ist; wir können dies den durch die Sünde bedingten Umwegnennen, auf dem der Mensch an jenes Ziel gelangt. Nehmen wir zu Obigemnoch die Beziehung auf Gott hinzu, so ist Gewissenhaftigkeit die in allem Handelnsich bethätigende Gottesfurcht.

Wir haben soeben die Gewissenhaftigkeit der Gewissenlosigkeit gegcnübergestellt.Die letztere zu bewirken, gelingt der Macht der Sünde in vielen Individuen nicht;dafür wird nun die Lüge angewendet, um das Gewissen irre zu machen, daß es denMenschen abschreckt von solchem, was nicht Sünde ist, und dagegen ängstlich macht,etwas zu unterlassen, was objectiv unrecht ist. In diesem Fall ist zunächst nicht basGewissen selbst corrumpirt, sondern der sittliche L>inn ist getrübt und gefälscht undder sittliche Trieb ist von seinen rechten Objecten ab- und auf falsche hiugelenkt.Allein dies ist doch nur möglich, wenn das Gewissen selber, unterschieden von Sinnund Trieb, nothgelitten hat unter dem das ganze Meuschenwesen durchätzendeu Einflußder Sünde. (Hiezu haben gerade diejenigen, die ganz speciell auf Gewissenssachensich zu verstehen Vorgaben, die Casuisten, ihr Theil beigetragen.) Jenen Ucbeln zubegegnen, ist aber die göttliche Heilsoffenbarung, und nur diese, vollkommen imStande. Und noch mehr: die göttliche Heilswahrheit und Lebenskraft ist nicht ge-bannt in den Buchstaben der Schrift; diese selber lehrt, daß ein heiliger Geist sei,der in alle Wahrheit leite, der da strafe und tröste. Hiezu nun dient ihm alsmenschliches Organ das Gewissen. Wie er den Trieb zum Gutesthun in volleThätigkeit setzt; wie er das Herz zur Liebe entzündet, so ist auch er es, der durchjede Sünde betrübt wird; sein Betrübtwerden aber und unsere Gewissensqual ist zwarnicht einerlei, aber eins.

Ist sich der Erzieher über des Gewissens wahres Wesen klar, so ergiebt sich ausdem Gesagten seine specielle Aufgabe sehr leicht. Sich selbst darf er des KindesGewissen nicht überlassen; denn theils ist schon des Kindes Unmündigkeit die Ursache,warum auch das Gewissen in ihm erst unmündig ist; theils aber macht sich auch imKinde jener das Gewissen selbst afficirende Einfluß der Sünde und ihrer Unwahrheitbemerklich, den wir oben beleuchtet haben. Aber auch schon um überhaupt erziehenzu können, muß der Erzieher das Gewissen des Kindes wecken, damit er daran einenBundesgenossen hat, der auch, wo das Kind nicht unter seinen Augen ist, dasselbevor Schlimmem bewahrt.

Auch in diesem Puncte muß zuerst beobachtet werden, in welcher Form die Ge-wissenSthätigkeit bei dem Kinde sich äußert. Es giebt nachdenkliche Kinder, denen derUnterschied von gut und böse schon früh ein Gegenstand tiefen Interesses ist. Solcheine Art bei Kindern ist nie bloße Frucht der Erziehung, sie liegt in einem zarterenOrganismus, in seiner angelegtem Gefühl; aber die Erziehung wird sehr wesentlichenTheil daran haben, ja sie 'muß daraus sorgsam einwirken, daß nicht entweder schädlicheEinflüsse diesen Sinn abstumpfen, oder aber etwas verfehltes, namentlich bei Kindernschon eine moralische Altklughcit daraus entstehe, die weder natürlich ist noch fürwahrhafte sittliche Bildung Gutes verspricht. Ucbrigens ist jedem Kinde schon früh,selbst noch, ehe es reden kann, der Gegensatz von gut und böse etwas unmittelbareinleuchtendes. Somit hat der Erzieher die doppelte Aufgabe: erstens diesen Gegen-satz, rein formell, in des Kindes Bewußtsein so unerschütterlich fest zu machen, daßer ihm nicht nur nie verloren geht, sondern durch all sein Denken durchschlägt. Dannaber ist die zweite Aufgabe des Erziehers diese, dem Kinde auch materiell das festzu-stellcn, welche Gesinnungen und Handlungen gut und welche böse sind. Das Kindmuß auf seine Auctorität hin das vorerst annehmen; aber um so sorgfältiger hat der