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Gewahren und Versagen.
Gewissen, Gewissenhaftigkeit.
Wie auch ver Zögling beschaffen sei, wie sehr das Temperament zn berücksichtigen,dem Eigensinn ist nirgends Raum zu gestatten, der muß gebrochen werden (vgl. d.Art. Eigensinn). Aber allerdings sind keine Gehorsamsexperimente mit Versagen undGewähren erlaubt, wie etwa ein Hund den Knochen erhält, wenn er 5- bis 6mal einenhohen Satz gemacht hat. ES muß Vernunft und Gesetz in der erziehlichen Einwir-kung beobachtet werden und „jene unerschütterliche Beharrlichkeit des Erziehers imFesthalten seiner Forderung, bis sie erfüllt ist" (Palmer), wobei nicht ausgeschlossenbleibt, daß dem Kinde ans höherer Stufe gewährt werden kann, was ihm früher ver-sagt werden mußte. Wir vermögen nur da stetige Kraft und Weisheit im Gewährenund Versagen zu erkennen, wo Gottes Auctorität feststeht und man die Kinder demzuführt, der das vierte Gebot eingcschärft und erfüllt hat.
Gewissen, Gewissenhaftigkeit. (Auswahl aus der Literatur: Waitz, allg.Päd. S. 185 ff. — Völt er, pädag. Früchte, I. S. 105. ff. — Beck, biblische Seelen-lehre S. 71 f. — Delitzsch, biblische Psychologie S. 99 ff. — Stäudlin, Ge-schichte der Lehre vom Gewissen 1824. — Rothe, theol. Ethik, I. §. 147. — Harlcß,christl. Ethik. §. 7—12. — Schenkel, in d. Art. Gewissen, in Herzogs theolog.Nealencykl. Bd. V. S. 129 ff.)
Wenn die Erziehung (s. d. Art.) einen wesentlich ethischen Zweck hat, so stehtdie Erziehung des Gewissens, die Erziehung zur Gewissenhaftigkeit oben an unter denAufgaben derselben. Darin eben muß sich die christliche, evangelische Erziehungcharakterisiren, daß sie jeden Zögling unter die Zucht seines eigenen Gewissens bringt,und daß sie dies eigene Gewissen in der Art bildet, daß, was es dem Menschen wehrt,auch wirklich Sünde, das aber, waS es ihn thun heißt, auch objectiv das Gute ist.Das Gewissen muß nämlich erzogen werden; bloß in einzelnen kraftvollen Menschen,durch die Gott ein Neues schaffen wollte auf Erden, hat es sich von innen herausBahn gemacht.
Es ist uns außer Zweifel, daß, was das Gewissen sei, nur auf dem Wege derSelbstbeobachtung richtig erkannt werden kann. Auf diesem Wege kommen wir dannfreilich nicht zu solchen Definitionen des Gewissens, die cs in eine Höhe hinaus-schrauben und in eine Weite ausdehnen, daß am Ende alle Sittlichkeit nicht nur,sondern auch alle Religion Gewissensthätigkeit wäre. Und wenn z. B. Harleß sagt:das Wesen des Gewissens dürfe gar nicht nach seiner Erscheinungsform bcurtheiltwerden, da diese infolge der Sünde eine nicht zum ursprünglichen Wesen gehörigegeworden sei: sind wir vielmehr der Ueberzeugung, daß diejenige specifische Function dersittlichen Gesammtkraft im Menschen, die wir im Unterschiede von allen andern Functionendas Gewissen nennen, erst mit der Sünde im Menschen auftritt.
Denken wir uns einen Menschen von gediegenem Charakter, der immer nachklarer Einsicht und gleichmäßigem Herzensantriebe handelt: ist es wohl das Gewissen,was ihn bei jeder Handlung leitet? Wir sagen: Nein, es ist die Liebe, aus der dieeinzelnen Entschlüsse und Handlungen mit innerer Nothwendigkeit und doch frei undfreudig hervorgehcn. Hiernach ist es schon eine Verwirrung der Begriffe, wenn mansagt, das Gewissen sei die ursprüngliche gesetzgebende Macht im Menschen. Vielmehrwirkt das eingeborne Gute einerseits ganz unmittelbar als Trieb, ohne Dazwischen-treten des Gewissens; der lautere Wille ist es, der dem Andringcn des sittlichenTriebes gleichsam die Hand zur Verfügung stellt, und so entsteht auf geradem Wegedie rechtschaffene That: das ist das wahrhaft göttliche Handeln. Aber dieser Spontane-ität entspricht auch eine Kraft der Receptivität; es ist mir als Theil meiner sittlichenAusrüstung ein Sinn für das Sittliche mitgegeben, und aus ihm bildet sich imdenkenden Menschen sofort das Urtheil: dies ist gut, jenes ist schlecht. Denken wiruns nun, es würde ein solcher Mensch, ähnlich wie Gott, zwar das Böse dadurchkennen lernen, daß es ihm in der Handlungsweise anderer Menschen unter die Augentritt, er selbst aber stünde so hoch, daß es für ihn gar keine Versuchung gäbe, dannwäre auch auf ihn der Begriff eines Gewissens nicht anwendbar; von Gott sagtniemand, er habe ein Gewissen.
Jenes Bewußtsein nun, daß, was aus freiem Antrieb mit Lust geschieht, dasselbeist, was sein soll — wird meist auch schon Gewissen genannt; aber wir glauben, daß