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1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Geschichtlicher Sinn.

Der Geschichtssinn als Anlage ist im Menschen vorhanden, so gewiß als derGesichtssinn. Der Erziehung aber liegt es ob, ihn zu Pflegen, zu bilden, zu übenwie daS die anderen Sinne auch bedürfen; denn trotz der natürlichen Befähigungund Neigung für das Geschichtliche sind doch unzählige Menschen blind und taub fürdie Geschichte, wo es sich um ein Verstehen und Werthhalten des geschichtlich Ge-wordenen und Vorhandenen handelt. Dafür nun, daß cs zum Verstehen und Werth-halten komme, hat die Erziehung zu sorgen.

Die ersten Bemühungen für Bildung des geschichtlichen Sinnes fallen schon indie Zeit vor der Schule, also in die Kinderstube. Man nähre und pflege früheschon den Sinn für Wahrheit. Wahrheitssinn ist die Grundlage des geschichtlichenSinnes. Man hüte sich z. B. vor angeblichpädagogischen Lügen." Jnsondcrs er-zähle man dem erzählfrohcn Kinde, soweit nur immer möglich, Wahres, Thatsächliches.Damit sei aber keineswegs über erdichteten Stoff der Srab gebrochen; denn es liegtin der Natur des Menschenkindes neben dem Triebe nach dein Realen auch ein nichtminder starker Zug nach dem Idealen hin. Hierüber s. d. Art. Märchen. Vor allemsäume man nicht, die biblischen Geschichten auch dem jungen Kinde schon vor-zuführen in ihrer plastischen Anschaulichkeit, ihrer reizenden Einfalt und Wahrheitstiefe.

Die heiligen Geschichten der Bibel sind aber nicht bloß für die Kinderschule,sondern die heilige Schrift muß auf allen Stufen der Jugendbildung in Haus undSchule als rechte elmrtu zu Grunde liegen, auch was die Bildung des ge-

schichtlichen Lünnes betrifft. An dem biblischen Volke Israel haben wir ein Volkvor uns, ganz geeignet zu einem Lehrvolk für alle Völker und auch schon für dieJugend. Die Bedeutung der Familie, des Gehorsams, der Zucht, der Gottesfurchtfür das Gedeihen des großen Ganzen, die Macht des Geistes, Glaubens, Gebets,die Wechselwirkung von Land und Volk, die Verbindung von Kunst und Leben, diemannigfaltigen Formen des socialen Lebens, der Segen der Eintracht, aber auch derJammer der Entzweiung, die Herrlichkeit eines Volkes, das für seine höchsten Güterauch mit dem Leben einsteht, und die Schmach der Ausländern, tiefstes Verderbenund hoffender Glaubenstrost, und über dem allen die heilig waltende Liebe undGerechtigkeit des Herrn, alles das ist hier vor den Augen aufgerollt in einerObjectivität, Durchsichtigkeit und Ucberschaulickkeit, wie sonst nirgends. Welche plastischanschaulichen Persönlichkeiten! jede gewißermaßen die Verkörperung einer großenIdee! Das Walten Gottes in der Führung eines Volkes, sonst so tief verhüllt unterden dasselbe vermittelnden Handlungen der Menschen und Wirkungen der Natur-kräfte, ist hier aufgedcckt und vor das Auge gelegt. Fürwahr, in der heiligen Schriftliegt ein Lehr- und Bildungsbuch für den geschichtlickcn Sinn vor uns und unserenKindern, wie kein zweites möglich ist. Aus ihm ist nicht bloß geschichtliches Ver-ständnis zu gewinnen, sondern zugleich auch jene Gesinnung, welche alles geschichtlichberechtigte mit Liebe und Treue umfaßt und festhält.

Wird der geschichtliche Linn an dem göttlich-realen Stoffe der heiligen Geschichtenicht ordnungs- und naturgemäß entwickelt und gebildet, dann darf es nicht wundern,wenn der im Kern des Geistes- und Gemüthslebens angcrichtete Schade auch inAuffassung von Geschichte und Leben nachwirkt. Wo man an dem ehrwürdigstenStoffe keine Pietät gelernt und geübt, da wird schwerlich jene Pietät zu erwarten sein,ohne die kein reckt treues Festhalten am eigenen Land und Volke, seiner Sprache,Sitte, Eigenthümlichkcit und Ordnung sich bilden dürfte. Schon diese Versäumnisallein vermag uns eine ganze Reihe von Erscheinungen zu erklären, bei denen manimmer fragen möchte: Webt es denn für diese Leute keine Geschichte? Aus solchem s IHolze schnitzt man heutzutage Socialdemokraten. Wo dagegen der Sinn für dasGeschichtliche, Thatsächliche in der Jugend an der realsten aller Geschichten, der bib- ^

lischcn gebildet ist, da ist für weiteren Unterricht in der allgemeinen und vaterlän-dischen Geschichte, wie für eine richtige Anschauung des Lebens überhaupt ein guterGrund gelegt. Für die Volksschule ist und bleibt freilich die Bibel das Ein undAlles zur Bildung geschichtlichen Verständnisses; hinsichtlich der Weltgeschichte mußder Grundsatz der Anlehnung (an die Bibel) und im übrigen der der weisen Be-schränkung herrschen, s. d. Art. Geschichte. Letzterer Grundsatz führt auf Betonungder vaterländischen Geschichte, und wer wollte leugnen, daß die Pflege derselben auch