Gesangbuch.
Geschichtlicher Sinn.
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des ärmsten Bauers und der geringsten Magd aufs festlichste ausgeschmückt, ja derSeele eine Schwinge geboten wird, auf welcher sie sich in die Freude, die kein Augegesehen und kein Ohr gehört, cmporheben kann. Dazu kommt dann das eigentlichSprachliche, daß nämlich unser Kirchenlied, wie die deutsche Bibelübersetzung, in jenerSprache gedichtet ist, welche Luther als das Gefäß für das Evangelium zugerichtethat und in welcher der deutsche Geist und der evangelische Geist am schönsten sichausspricht. Diese Sprache sollen die Schüler der Volksschule durch Lautlesen undAuswendiglernen der Kirchenlieder sich zu eigen machen und für die Schüler derhöheren Lehranstalten, die viel aus fremden und in fremden Sprachen reden undschreiben, giebt es kein besseres Bewahrmittel des Deutschen in Gedanken und Aus-druck als nebst der Bibel das Kirchenlied. Noch anderes könnten freilich Gymnasiastenam Gesangbuch lernen, was zur Ergänzung des Unterrichts in der Geschichte deutscherDichtung gehört: sie könnten in den Perioden der Geschichte des Kirchenliedes diePerioden der inneren Kirchengeschichte unterscheiden, sie könnten schließlich lernen, daßnur so lange Poesie und Kraft im Kirchenlied ist, als der Glaube an den SohnGottes in den Sängern wohnt, und daß augenblicklich die schalste Prosa und mattesteSentimentalität cintritt, da die Sänger Christum nicht mehr haben, und Achnliches.Das wären solche Gaben, die bei der Verwerthuug des Liedes in der Schule unsnebenbei von selbst zufallen würden. Die Hauptsache aber bleibt, daß die Schüleraller Schulen zur Freudigkeit und Fähigkeit gebracht werden, dereinst in Einfalt dasGesangbuch unter den Arm zu nehmen, wenn die Glocken läuten, in der Kirche ausHerzenslust mitzusingen, in Krankheit es vor sich aufs Bett zu legen, und, wo dasLesen versagt, sich an den von der Schule her in der Seele haftenden Liedern fürLeben und Sterben zu erquicken.
Gcschästsprotokoll, s. Schulacten.
Geschenke, s. Besoldung.
Geschichte, s. am Schluß des Bandes.
Geschichtlicher Sinn. Er ist im allgemeinen Empfänglichkeit für das Ge-schehene, Thatsächliche, Wesenhafte, im Gegensätze von dem Erdichteten, Gemachten,Scheinenden. Dieser Sinn liegt tief in der Menschennatur; aus dem Scheinlebender Sünde heraus sehnt sich der innere Mensch nach Wahrheit und Wesenheit alsNahrung für seinen zu Gott geschaffenen Geist. Darum hat alles Geschehene, That-sächliche für ihn einen Reiz, wie die Speise für den Hungernden. Der geschichtlicheSinn findet sich schon im Kinde. Wer kennt nicht den unlöschbaren Durst so einerjungen Seele nach geschichtlichem Stoffe? Erzählen und wieder Erzählen! Reflexionenlassen es kalt oder ermüden es zeitig; eine geschichtliche Erzählung frischt alsbaldseine Aufmerksamkeit, seine Theiluahme auf. Und wird das mit der -Zeit viel an-ders? Die versammelten Richter zu Athen plaudern, da der Rcdemeistcr Demosthenesspricht; seinem Geschichtlein von des Esels Schatten lauschen alle begierig. Geschichteist die Heimat des menschlichen Geistes. Darum kommt auch Gott dem tiefsten Be-dürfnisse der Menschheit entgegen nicht in bloßen Lehrsätzen, Idealen und Theorien,sondern in lebensvoller, concretester Geschichte. So ist auch der Geschichtscharaktcrdes göttlichen Erzieherwortes ein Beweis für den in jedem Menschen vorhandenengeschichtlichen Sinn als Anlage betrachtet. Mehr praktisch gefaßt ist er derSinn für das im Laufe der Zeit Gewordene, im Gegensätze zu dem heute erst Ge-machten oder unvermittelt ins Leben Gestellten, und darum auch die Fähigkeit undGeneigtheit zu anerkennender und liebender Würdigung der geschichtlichen Vergangen-heit, ihrer Denkmäler, Schauplätze, Rechte, Sitten rc.*)
*) „Uni diesen dem deutschen Volke großentheils verloren gegangenen Sinn wieder zuwecken, zu üben und zu bilden, muß man bei der Jugend anfangen und sie gewöhnen, überden Zusammenhang der Gegenwart mit der Vergangenheit nachzudenkcn. Es giebt einzelneGegenden in Deutschland, wo sich ein solcher geschichtlicher Sinn noch in weiten Kreisen desVolks findet, wo auch der Dorfbewohner gern die alten Ortschroniken und andere dergleichenUrkunden studirt, welche in der Gemeinde- oder Zunstlade aufbewahrt sind oder welche derGeistliche und Lehrer ihm mittheilt; diese Richtung ist zu unterstützen" (Biedermann, derGeschichtsunterricht in der Schule 1860 ).