552
Gesang.
werden, ist ebenso nothwendig, als daß schon auf der untersten Stufe das Liedauftritt*).
Wenden wir uns denn zu den einzelnen Regeln, so wird das erste sein, was derLehrer verlangt: Ton heraus! und zwar bei allem und jedem Singen von Anfangan. Schüchtern darf nie gesungen werden, es darf der Ton nicht halb im Halsestecken bleiben, nicht von den Zähnen zerbissen noch von den Lippen zerdrückt in seinemKlang beeinträchtigt sein. Aufrechte Haltung des Körpers, freie Brust, die Achselnzurück, ein mäßig geöffneter Mund — wer darauf nicht von Anfang an hält, wirdspäter große Mühe haben, das Versäumte nachzuholen, und trotz allem nachmaligenZanken werden die einen ohne Klang singen, die andern schreien, ächzen, trompetenund thun, als trügen sie Lasten aus dem Kopf. Es ist kaum begreiflich, wie sich einOhr sogar daran zu gewöhnen vermag, solches Mistönen nicht einmal mehr zu hören;kann man doch zu Aufführungen eingeladen werden, zu Schülerproductionen, mitwelchen also eine Leistung gezeigt werden soll, bei denen auch kaum ein gesundermusikalischer Ton gehört wird. So rächt sich das beim Beginn Versäumte. Alsovor allem: den Ton frisch und kräftig heraus! nur den wirklichen Ton kann manbilden, glätten, kräftigen und mildern. Und frisch heraus namentlich mit dem erstenTon, nicht so, daß am Anfang leise und schüchtern gesungen wird, und erst nachetlichen Takten Muth und Klang sich einfinden. Das zweite, worauf von Anfangan gehalten werden muß, heißt: fest im Takt! Noch ehe dem Schüler erklärt werdenkann, was Takt ist und wie er sich thcilt, ist ihm das Taktgefühl beiznbringen durchUebung, und zwar durch Hebung des Gehörs, indem was vorgesungen oder vorgespieltwird, streng den Takt einhält. Ties ist in der Volksschule um so nothwendiger, alsdurch das Choralsingen in der Kirche der Rhythmus beinahe nach jeder Zeile einenStillstand zu macken pflegt; und Lehrer, welche als Organisten oder Cantorenthätig sind, haben sich vornehmlich dagegen zu bewahren, daß sie nicht dieses Ausruhenam Ende der Zeilen sich überhaupt angewöhnen, wobei ihr eigenes Taktgefühl sichabstumpft und sie am Ende nicht einmal mehr hören, wenn ein sonstiges Tonstücktaktwidrig mißhandelt wird. Es ist nicht zu sagen, wie viel Fehler hierin gemachtund wie jämmerlich oft die Gesichtszüge einer Melodie dadurch entstellt werden, daßihre Tonfolgen bald in die Länge gezerrt und verrenkt, bald eingekniffen und zusammen-gedrückt zu Tage treten. Hiebei sind dann noch ganz besonders die Pausen gefährlich,über die man hinwegeilt, wenn sic ein längeres, die man streckt, wenn sie ein kürzeresMaß haben; da muß dann der Auftakt in den nächsten Takt hinüber, weil ihm vorannur eine kurze Pause steht; folgt aber der nächste Satz nach einer längeren Pause,so werden seine ersten Töne herüber in den früheren Takt gcnöthigt und alles kommtso aus Rand und Band. Consequente Uebung des Taktgefühls von den ersten An-fängen des Singens an ist ein absolutes Gebot für jeden Gesaugunterricht, dessenUebertretung sich später bitter rächt und in ihren Folgen oft kaum mehr gut zu mackenist. Auch bei der bloßen Tonleiter oder bei den Intervallen, soweit hievon unter denJüngsten sckon einige Anwendung stattfinden soll, ist es angemessen, immer im Taktesingen zu lassen, damit der Gesang niemals ohne die Begleitung dieses seines correc-testen Hofmeisters und Wächters seine Gänge mache. Also: fest im Takt! und nichtvergessen, daß auch schwerer zu hobelnden Stimmen wenigstens diese Tugend angewöhntwerden kann; steht sie doch unter allgemein gültigen mathematischen Gesetzen, undWem das Schöne nicht beiznbringen ist, der ist doch für das Richtige noch zu ge-winnen. Beweis dafür unsre Rekruten, welche alle das Tempo des Marsches wieder Handgriffe lernen müßen und lernen können.
Zum frischen Ton und festen Takt muß noch als drittes und zwar von denersten Hebungen an die richtige Aussprache des gesungenen Textes hinzutretcu. Dennwohl ist beim Singen an und für sich die Melodie wichtiger als der Text, der Tonwichtiger als die Sylbe, und auch bei unverstandenen Worten kann man einen musi-
*) Es sei hier wie auch in sonstiger Beziehung verwiesen auf die trefflichen AusführungenErk s in der Abhandlung: Gesang. Diestcrweg's Wegweiser n., 5. Auflage, 2. Band. 1875.S. 415.
t