Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
539
Einzelbild herunterladen
 

Geographie in der Volksschule. Geometrische Formenlehre und Geometrie. 5ZI

mit den neuen Schulgesetzen und Lehrordnungcn bereits das gesetzte und geordneteMannesalter eingetreten ist, wird sich zeigen, wenn die Volksschule sich länger darinein- und damit abgearbcitct haben wird. Vergeblich wird indessen die Arbeit nur sein,wo ein Lehrer in seinem Hochflug und Weitsprung vergißt, daß der Treue im Kleinender höchste Lohn verheißen ist. . H. Merz.

Geometrische Formenlehre und Geometrie. Eins von beidem steht aufdem Lectionsplane, man komme in eine höhere oder niedere Schule; erstens auf denunteren Stufen, letzteres auf den oberen. Die Physiognomie der Elaste ist ziemlichdieselbe, ob das eine oder das andere statt hat. Der Wöchner (dicnstthuende Schüler)hat aus dem alltäglichen Lehrmittelvorrath der Schule das einen Metcrstab reprä-scntirende Clastcnlineal, das mit Ccntimetertheilung versehen ist, bereitgestcllt, in dieNähe davon eine gleichlauge Reißschiene gelehnt, dazu ein hölzernes, rechtwinkliges,gleichschenkliges Dreieck, einen Transporteur, einen Stellzirkel um die sauber gereinigteWandtafel als den Schauplatz gruppirt, auf den bald aller Augen gerichtet sein wer-den. Er hat sie darum auch in diejenige Stellung gegen das von den Fenstern herdarauf fallende Licht gebracht, welche am wenigsten befürchten läßt, daß es den Zu-schauern die Producte der Handelnden durch Blendung wegzehren werde. Der Haupt-actcur wird, wie sich gebührt, der Lehrer sein. Er steht noch am Lchrtische und wähltfür den Verlauf der ihm bewußten Action aus einem eigenen Vorrathe von mannig-faltigen Anschauungsmitteln den heutigen Bedarf. Es gleiten durch seine FingerStäbchen von verschiedener Länge, Flächengebildc, regelmäßige und unregelmäßige,gestreckte und umgcbogcne, unzerlegte und zerlegte, congrucnte, gleiche und ähnliche,papiernc und blechene, weiße und farbige, — Körper, von Holz massiv, aber zerlegbar,gepappte, hohle, auch solche, welche die Kanten bloß durch Draht andcuten, — alles,wie es dem Fachmann die Erfindungsgabe in mit der Zeit wechselnder Gestalt zuge-sührt hat. Es hat ihn der ganze Apparat wenig oder nichts gekostet; außer etwadort das Parallellineal, die Setz- oder Grundwage und der verjüngte Maßstab. DieSchüler sind auch bald gerüstet, nöthigenfalls handelnd aufzutrcten. Jedenfalls wollensie auf ihrem Platze thätig werden. Vor einem jeden liegt ein Lineal, mindestens inDezimeterlänge, mit Ccntimeter- und theilweisc mit Millimetertheilung versehen, einkleines, rechtwinkliges Dreieck von Holz, ein kleiner Transporteur; ein halbharterBleistift, ein Zeichenheft, jetzt noch geschlossen, bis des Lehrers Wort es öffnen wird.— Eine Lection, welche viel in Bewegung setzt! Wieviel Lehrmittel im Vergleich zuanderen Lcctionen! Dort sitzen sogar einige Schüler mit einem Lernmittel, einemMerk- oder Repetitivnsbüchlein, das neben den Realien und der deutschen Grammatikauch die Geometrie bedacht hat. Der Lehrer ist nicht gut darauf zu sprechen, so zahl-reich dergleichen wie Pilze aus der Erde schießen. Er meint, man dürfe ja keinemAnfänger ein solches nennen, damit er nicht in Versuchung komme, es auch in denHänden seiner Schüler zu wünschen. Es enthält eine Sammlung der fundamentalenDefinitionen, Eintheilungen, Lehrsätze und erarbeiteten Formeln. Sie ist, sagt er mitRecht, ganz entbehrlich auf einem Uutcrrichtsgebicte, welches beständig auf die Funda-mente zurückgreift und ohne dieselben nicht einen Schritt vorwärts thut, ganz wider-sinnig in einer Wissenschaft, deren Wesen in Denkarbeit und nicht in Gcdächtniswerkbesteht. Dazu argumcntirt er historisch, die älteren Bearbeiter des Faches hätten niesolche Büchelchen geliefert; das schwache heutige Geschlecht mache sie sich erst, undzwar keineswegs immer correct, zurecht. Thatsächlich werde durch dergleichen Productedie freie geistige Bewegung von Lehrer und Schüler gehemmt.

Der Mann hält sichtlich Großes auf sein Fach, das sich — die Meßinstrumenteund Zeichenapparate beweisen es ja —, an mechanische Tätigkeiten, an Fertigkeitender Hand und des Auges anlehnt. Er ist von der pädagogischen Bedeutungseiner Wissenschaft durchdrungen. Sie ist ihm, mag sie sich früher oder später vondem Gebiete der Fertigkeiten ablöscn, mag sie immer geometrische Formenlehre bleiben,oder sich zur Geometrie fortbilden, immer eine nothwendige, allgemein mögliche, über-aus nützliche Schuldisciplin, welche der erziehlichen Kraft keineswegs entbehrt.

Wäre cs nicht eine ganz wesentliche Lücke in der Ausbildung des menschlichenGeistes, wenn er über tue Entfernungen der ihn umgebenden Dinge von ihm undunter sich, von dem Verhältnisse dieser Entfernungen zu einander sich gar keine Rechen-