Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
521
Einzelbild herunterladen
 

Gcographie in der Volksschule.

521

schreibung" unter Benutzung des Globus abgehandelt. Ter geographische Unterrichtin den Öbcrclassen der von ihm in seinen drei Törfern errichteten Musterschulen be-stand im Lesen und Erklären der betreffenden Stücke des Kinderfreundes wöchentlichin zwei Stunden. Die außerordentliche Verbreitung jenes Lesebüchleins verschaffteauch der Geographie eine offene Thüre in den Schulen des Südens wie des Nordens.Noch die Würzburger Schulordnung von 1807 erklärt den Kindcrfreund als Lehr-und Lesebuch für den Unterricht in dengemeinnützigen Kenntnissen". Derselbe istim Jahr 1805 von Schnlinspcctor Riecke in 'Stuttgart und von Schulmeister Vollerin Heidenheimzum Unterricht in dem Lesen und bei dem Lesen vornehmlich für dieLandschulen in Oberdeutschland, insbesondere in Schwaben" bearbeitet und im Jahr1807 in den evangelischen Volksschulen Württembergs cingeführt worden. Behandeltwird in Nr. 90die künstliche Erdkugel oder der Globus"; 91 die Bewegung derErde um die Sonne; 93 die Erde und die Geschöpfe, die darauf sind; die fünf Erd-lheilc; Europa; Deutschland; das Meer und seine Thiere; die Landthierc alleskurz in Frage und Antwort. Rochows Vorgang rief eine große Reihe vonKinderfreunden" hervor vom Brandenburgischen, der 1807, bis zum sächsischen, der1840 erschien. Erstercr, derDeutsche Kindcrfreund" von Wilmscn, Prediger inBerlin, erlebte 1840 die 159. Auflage und kann als das erste eigentliche, nicht mehrbloß in katechetischcr Form abgefaßte Lesebuch gelten. In Abschnitt IV. kommt dieErde und ihre Bewohner; die Gestalt, Theile, Gebirgsarten, Meere, Vulcane, höchsteBerge, Flüsse und Völker. Abschnitt V. enthält Naturgeschichte (die Producte derErde") und Gesundheitslehre. In Abschnitt XI. wird Europa, seine Länder, Flüsse,Städte; in Abschnitt XII. Deutschland, seine Grenzen, Berge, Gewässer und Staatenbesprochen. Mehr glaubte Wilmscn der deutschen Volksschule nicht znmuthen zudürfen, obgleich schon 1788 Junker in Magdeburg viel weiter gegangen war in seinemHandbuch der gemeinnützigen Kenntnisse für Volksschulen, beim Unterricht als Ma-lerialien, bei Schreibübungen als Vorschriften zu gebrauchen." Darin sind nichtweniger als 196 Seiten der (vorzugsweise politische») Geographie eingeräumt, welchedamals durch Büsching und Gatterer in epochemachender Weise gepflegt wurde. Zu-gleich sind folgende methodischen, gutentheils noch heute brauchbaren Winke gegeben.1) Ter Lehrer mache ja nicht den Anfang mit der allgemeinen Einleitung, sondernnehme zuerst seine Stadt, dann den Kreis, die Provinz, das Land, worin er wohnt,dann die angrenzenden Länder. So erst das Wichtigste von Deutschland, dann erstdie übrigen europäischen Reiche, und weniger ausführlich. 2) Er beschäftige überallmehr die Einbildungskraft als das Gedächtnis der Lernenden. Bei Städten präge erbesonders ihre Lage gegen die umherliegcnden ein, bei einem Lande halte er aufdeutliche Vorstellung seines Umrisses, den die Kinder sich auf die Tafel nachzcichncnsollen. Oder man schneide Kreise und Länder erst aus einer guten Karte sauber aus,wornach die Kinder ebenfalls nachschneidcn und Städte einpunctircn, nachher erst freieUmrisse aus dem Kopse. 3) Man übe gleich früh daS Augenmaß durch Auftragungdes auf der Karte befindlichen Maßstabes. Mit vielen Zahlen über Größe und Aus-dehnung Kinder quälen ist Thorheit. Auch nur ungefähre, jedoch sichere Bestimmungaus dem Kopfe nach einem darin vorhandenen Maß ist bleibender Gewinn. Jedermuß sich ein bestimmtes Land suchen, welches ihm zum Maßstab für andere Länderdient.

Hier begegnet uns statt der noch von Wilmscn eingehaltenen analytischen Me-thode die synthetische nach dem gerade für die Geographie allermeist von Rousseauausgestellten Grundsätze: vom Nahen zum Fernen, welchen bereits der PhilanthropSchütz in seinem Methodenbuch 1783 als das Ausgchen vom Wohnorte empfohlenhatte. Es zeigt sich aber auch bereits eine Ueberwucherung des Stoffes, wie ihn dieVolksschule zu keiner Zeit, vollends gar nicht zu jener Zeit tragen konnte, wo es ihran allen Lehrkräften und Lehrmitteln noch fast gänzlich fehlte. Gegen jenes Uebermaßrichtete sich auch die 1794 in Preußen unter dem Minister Wöllner veröffentlichteAnweisung für die Schullehrer in den Land- und niederen Stadtschulen zu zweck-mäßiger Besorgung des Unterrichts der ihnen anvertrauten Jugend." Darin wird«am wenigsten den Schullehrern gestattet, mit Zurücksetzung oder nur nachläßigerBetreibung des Religionsunterrichts, des Lesens, Schreibens und Rechnens, Gegen-