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1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Gemüth.

lebens, sondern dichtet und trachtet in diesem einfachen Lichte des Gefühls. Unterwelcher Bestimmtheit man aber auch das Gemüthsleben begreifen möge, immer ist esein Drittes, welches von Verstand und Willen wesentlich unterschieden ist. Das Gemüthist die Quelle aller theoretischen und praktischen Thätigkeiten und wieder auch dasMeer, in welchem sie alle münden, aber für sich ist es weder theoretisch noch praktisch,wenn es auch in bestimmten Fällen bald dem einen, bald dem anderen näberliegen kann.

2) Besondere Formen des Gemüthslebens. Man kann im Gemüths-leben Gemüthszustände, Gemütsbewegungen und Gemüthserhebungen unterscheiden.Befindet sich das Gemüth in einem gewißen Gleichgewicht, welches durch eine mehroder weniger bleibende qualitative Bestimmtheit hervorgebracht wird, so bezeichnet mandieses als einen Gemüthszustand. Hält sich ein solcher Gemütszustand mehr nur an derOberfläche des Gemüths und geht rasch vorüber, so bezeichnet man ihn auch wohl mitdem Namen einer Gemüthsstimmung. Wer die Kraft der Selbstbestimmung ineinem gewißen Grade besitzt, kann solche Stimmungen durch ernste Arbeit leicht ver-scheuchen. Wer nicht die Kraft hat, Verstimmungen sofort zu überwinden, der ist eineBeute des Zufalls, trübt sein Glück und lähmt seine Wirksamkeit. Tiefer eingreifendund bleibender sind dagegen die eigentlichen Gemüthszustände, die für dieganze Geltung des Lebens von großer Bedeutung sind. Wer sich z. B. gewöhnthat, sich von des Lebens Schmerzen und trüben Erfahrungen nie so afficirenzu lassen, daß er dadurch gehindert würde, die höheren Lebenszwecke zu verfolgen,der besitzt den wünschenswerthen Zustand des Gemüths, den man Gleichmuth öderauch Gemüthsruhe nennt. Ein ähnlicher Zustand ist derjenige, den wir alsFreudigkeit oder Heiterkeit des Gemüths bezeichnen. Solche freien Zustände des Ge-müths haben in der Regel einen tieferen Hintergrund und rühren von einem gött-lichen Principe her, welches das geistige Leben des Menschen bestimmt. Aber auchTrübsinn kann in einem Gemüthe habituell werden und auch in diesem Falle kannein moralischer Hintergrund die Veranlassung sein.

Von den Gemüthszuständen unterscheiden wir nun weiter die Gemüthsbe-wegungen oder Affecte. Sie entstehen in dem Falle, wenn das Gemüth über sichselbst hinausgerissen wird und in einem Objecte außer sich seine Ergänzung sucht undfindet. Verliert es dabei ganz seinen Halt in sich und versenkt sich ganz und gar indas Object, so wird die Gemüthsbewegung zur Leidenschaft. Die wichtigste undfruchtbarste Art der Gemüthsbewegungen entsteht aus den sympathetischen Gefühlen, Ideren kräftigstes die Liebe ist. Die Gemüthserhebungen sind von den eigent- Ilichen Gemüthsbewegungen dadurch unterschieden, daß sich das Gemüth in der Er- IHebung zu einem Unendlichen hin bewegt und in ihm sein Glück und seinen IFrieden findet. Die Gemüthserhebung vereinigt dabei gewißermaßen den Gemüths- Izustand mit der Gemüthsbewegung, die Ruhe mit der Bewegung. Denn da die Ge-müthserhebung auf das Unendliche sich bezieht, dessen Fülle sich nimmermehr er-schöpft, so verursacht sie eine ewige Bewegung nach demselben hin; aber da das i

Unendliche derjenige Ort ist, in dem jedes Endliche Platz hat und sich in der Fülleseines Wesens wieder findet, so führt jede Gemüthserhebung zur wahren Ruhe.

Die Gemüthserhebungen haben also stets ein positives Resultat; dagegen könnendie bloßen Gemüthsbewegungen schon insofern einen Gegensatz in sich tragen, als dasVerhältnis zu dem Objecte ein negatives sein kann. Der Liebe entspricht der Haß,der Begierde der Abscheu, der Sympathie überhaupt die Antipathie. Aber die Ge- jmüthsbewegungen als solche haben auch insofern oft ein negatives Resultat, als >

das Gemüth, welches Ruhe und Frieden sucht, statt dessen Unruhe und Unfrieden 8

findet. Die Seele soll und kann in keinem endlichen Objecte aufgehen; macht sie 8

dennoch den Versuch, so kommt sie mit sich selbst in Zwiespalt und kann sich unter »

Umständen völlig zerstören. Selbst die edelsten Leidenschaften, wie die reine Freund- I

schaft und Geschlechtsliebe, dürfen nicht bloße Leidenschaften, nicht bloße Gemüths- >

bewegungen bleiben, sondern sie müßen sich zu idealen Gemüthserhebungen umge- >

stalten. Aber wie ganz anders freilich zerstören solche Leidenschaften, die gleich von V

Haus aus auf etwas gemeines und niederträchtiges gehen, das Gemüthsleben von IGrund aus! I