kSemeinfinn.
Hcmiith.
515
An der staatlichen Gemeinschaft nimmt das Individuum erst, nachdem es dieStufe voller Reife und Mündigkeit erreicht, selbstthätigen Antheil. Bis dahin dientdem Zögling auch für dieses Gebiet die Schule als Vorbereitung durch Lehre und durchGewöhnung an ihre feste Ordnung, ganz besonders aber durch Belebung der Vater-landsliebe ff. d. Art.).
Schließlich dürfte es nicht unzweckmäßig sein, auch auf die Nothwendigkeit desGemeinsinnes unter denjenigen hinzuweiscn, welche durch den ge-meinsamen Beruf der Erziehung zu einer großen Gemeinschaft ver-bunden sind. Wir fordern, daß die Lehrer mindestens desselben Landes sich jederZeit vor Augen halten, wie ihre Schulen Glieder sind im Organismus der vater-ländischen Anstalten, welche der gesammten Volksbildung dienen sollen, und sie selbstGlieder einer pädagogischen Gemeinschaft. Am unmittelbarsten kann sich dieser Ge-meinstnn bethätigen, wo mehrere Lehrer an derselben Schulanstalt zu einem Lehrer-kollegium verbunden sind (s. d. Art).
Gemüth. 1) Begriff des Gemüths. Das Gemüth ist die Innerlich-keit (die Subjektivität) der menschlichen Seele für sich abgesehen vonallem, was sie denkt und thut. Insofern das änßerlichkeitslose Sein undThun der menschlichen Seele das Gefühl heißt, kann man das Gemüth allerdings indie engste Verbindung mit dem Gefühl bringen, und man hat daher auch dasGemüth, wenn schon etwas unbestimmt, als den Inbegriff der Gefühle bezeichnet.Nichts desto weniger hat man das Gemüth von dem Gefühl als solchem wohl zuunterscheiden. Das Gefühl ist das rein subjektive Leben oder auch die rein subjektiveStimmung der menschlichen Seele, wobei von allem Inhalt abstrahirt wird, aberdas Gemüth ist das inhaltsvolle Gefühl d. h. das Gefühl, insofern inihm ein allgemeiner Inhalt die Form des subjektiven Seelenlebensgewonnen hat (vgl. d. Art. Gesühlsbildung). Jeder Mensch trägt eine Weltvon Anschauungen, Gedanken, Erinnerungen und Erfahrungen in sich, die das objektiveMaterial seines Selbstbewußtseins ausmachen. Insofern ich dieses Material als einbloßes Object in mir trage, insofern ist es nicht Sache des Gemüths, sondern nur inso-fern, als es Gefühlssache geworden ist. Der ganze geistige Ballast, der nicht von demGefühle durchleuchtet und erwärmt ist, gehört zwar auch zu meinem Selbstbewußtsein,aber nicht zu meinem Gemüthe, denn das Gemüth ist nur da vorhanden, wo eingeistiger Inhalt von meinem subjektiven Interesse durch und durch erfüllt ist. DasGemüth ist die Subjektivität des Menschen, sofern sie den allgemeinen Inhalt desSelbstbcwußtseins in sich aufgelöst hat oder noch kürzer: das Objektive alsGefühlssache.
Die bisherigen Bemerkungen über die Natur des Gemüths stimmen iin wesentlichenmit der Erklärung überein, die Rosenkranz in seiner Psychologie giebt. Er sagt(S. 342 der 2ten Aust.): „Der wahrhafte Begriff des Geistes fordert, daß das Ge-fühl zum Selbstbewußtsein sich aufschließe und umgekehrt, daß der Inhalt des Selbst-bewußtseins von dem Subjekt als das seinige gefühlt werde. Erst diese Einheit kannman Gemüth nennen." Diese Erklärung hat übrigens noch das Eigenthümliche undselbst praktisch Bedeutsame, daß das Gemüth in seinem doppelten Verhältnis zur Sub-stanz des Selbstbewußtseins betrachtet wird, indem es nämlich entweder als Wurzeloder als Blüte des Selbstbewußtseins erscheinen kann. Denn wer sein Inneres beob-achtet, der wird finden, daß das Gemüthsleben eine reiche Quelle von Gedankenund Handlungen ist, aber auch umgekehrt, daß Gedanken und Handlungen stets auchim Gemüthe etwas absetzen und sein Leben reicher entwickeln. Mit diesen beidenBestimmungen des Gemüthslebens, die wir auch als Ausgangspunkt und Resultatder geistigen Thätigkeit bezeichnen können, hängt eine der wunderbarsten und folgen-reichsten Erscheinungen des psychischen Lebens zusammen, nämlich der Unterschied derweiblichen und der männlichen Seele. Wir können diesen auch für die Erziehung un-endlich wichtigen Unterschied mit Bezug auf das Gemüthsleben so ausdrücken, daß indem Manne das Gemüthsleben durch die objektiven Processe des Denkens und desHandelns vermittelt ist, während sich die Frau in der Regel in der Ursprünglichkeitund Unmittelbarkeit des Gemüthslebens hält. Die Frau denkt und handelt auch, abersie verläßt in ihren Thätigkeiten in der Regel nicht den Mutterschoß des Gemüths-