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1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Gefiihlsbildnng.

düng bezeichnet vorzugsweise den einzelnen Vorgang des Erregtwerdens, zumaldurch sinnliche Eindrücke, Gefühl zugleich den Zustand des Erregtseins und diedamit in Verbindung stehende bleibende Seelenstimmung, sowie das Vermögen,in solcher Weise Eindrücke anfzunehmen und zu gestalten. Eben insofern wir unterGefühl ein bestimmtes geistiges Vermögen verstehen, können wir von Gefühls-bildung reden. Ihre Aufgabe besteht darin, daß die Empfänglichkeit desGefühls überhaupt geweckt, dann auf die höhere Bestimmung desMenschen bezogen und zu Denken und Wollen in das richtige Ver-hältnis gesetzt werde. Mit Rücksicht auf diese Aufgabe handeln wir zuerst vonder Lebendigkeit und Kräftigkeit des Gefühls, dann von seiner inneren Be-stimmtheit, ferner von der Beziehung des Gefühls auf seine verschieden-artigen Gegenstände und endlich von den Mitteln der Gefühlsbildung.

1) Die krankhafte Ueberreiztheit des Gefühls, welche wir als Empfindlichkeitund Empfindsamkeit bezeichnen, hat bereits ihre besondere Besprechung gefunden.Hier handelt es sich nur um das rein quantitative Verhalten des Gefühls,welches auf der einen Seite als Unempfindlichkeit oder Gleichgültigkeit,auf der andern als lebhafte Erregbarkeit hervortritt. Die Unempfindlich-keit kann zunächst nur die natürliche Folge der Beschränktheit des kindlichenGesichtskreises sein, und es giebt einen Punct, bis zu welchem hin sie im In-teresse der kindlichen Naivetät berechtigt ist. Wohl aber wird es nöthig sein, demwohlhabenden Kinde durch Schilderung der so oft in der nächsten Nähe befindlichentiefen Noth der Armut, verbunden damit, daß es geeigneten Falles der Vermittlerder elterlichen Wohlthätigkeit werden darf, durch Hinweisung auf Tod und Krankheitund sonstige Unglücksfälle das Gefühl für die großen Leiden des Lebens und seinetiefen Widersprüche zu erschließen. Dem armen Jungen dagegen, dem in der dumpfenAtmosphäre, in welcher er aufwächst, das Gefühl unerschlossen bleibt für die Reizeder Natur und für das Große und Schöne des menschlichen Lebens, werden vielleichterst die freundlichen Worte des Lehrers das gedrückte Herz aufschließen für einfreieres, höheres und schöneres Leben. Dieselben Mittel hat die Erziehung anzuwendcnin dem Falle, wo die Unempfindlichkeit auf dem natürlichen Mangel an gei-stiger Kraft und Lebhaftigkeit beruht; nur hat sie dann in ganz beson-derem Grade mit dem belehrenden Wort die ziehende Kraft des Beispiels und per-sönlicher Anregung zu verbinden. Die Unempfindlichkeit kann aber endlich auch vor-handen sein als Folge der überwiegend selbstthätigen Richtung des Zög-lings, welche ihn über dem Bestreben, die Außendinge nur nach seinen Vorurtheilenzu betrachten und nach seiner Neigung zu gestalten, nicht dazu kommen läßt, ihreEindrücke rein und kräftig auf sich wirken zu lassen. Hier muß der Zögling ange-halten werden, die Dinge in ihrem eigenthümlichen Wesen und insbesondere anderePersönlichkeiten in ihrem Rechte achten zu lernen, und es muß ihm vor allem derSinn erschlossen werden für das göttliche Ersetz, welches über allem und über allenwaltet, und selbstsüchtige Willkür niemals ungestraft läßt. Der Unempfindlichkeit stehtdie lebhafte Erregbarkeit des Gefühls gegenüber. Wo der Erzieher dieseals natürliche Anlage vorfindet, da wird er sie als eine höchst wünschenswerthe Eigen-schaft begrüßen und sich hüten, ihr entgegenzuwirkcn. Andererseits ist freilich dienatürliche Anlage noch keine Tugend, sondern sie wird zu einer solchen erst dann,wenn mit der lebhaften Empfänglichkeit die Fähigkeit sich paart, unter der Mannig-faltigkeit der aufgenommenen Eindrücke das an sich Bedeutende und das der höherenNatur des Menschen Entsprechende von dem Unbedeutenden und Unangemessenen zuunterscheiden, und wenn es dem Gefühle zur andern Natur wirb, nur die Eindrückeder erstercn Art festzuhalten, die der letzteren aber zurückzuweisen. Wenn nicht aufsolche Weise mit der lebhaften Erregbarkeit des Geftihls die selbstthätigc Mit- undGegenwirkung sich verbindet, so entsteht der wahre Leichtsinn, welcher den Menschenzum Spielball der wechselnden Eindrücke erniedrigt. Mit verstärkter Dringlichkeitergeht die Forderung, die Kraft der Gegenwirkung in dem Zögling zu wecken, daan den Erzieher, wo eine an Reizungen reiche Umgebung die lebhafte Erregbarkeit desKindes bis zu jenem Uebermaß überspannt hat, wo sie in Stumpfheit umzuschlagen