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1 (1877) A - Liebe
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Gedächtnis.

Gefühllosigkeit.

Vereinzelte seiner Natnr und wird nur schwer oder gar nicht von ihm ausgenommenund noch weniger behalten. Das Einzelne erscheint erst dann in der dem Geistegemäßen Form mit anderem verbunden, wenn es organisch und logisch mit demanderen zusammenhängt. Soll also ein Gegenstand für alle Zeit gemerkt werdenso sorge man dafür, daß er als ein Glied eines organischen Ganzen erscheint oderdaß er als ein Moment einer logisch geordneten Gedankenreihe von dem Geiste be-griffen wird.

Aus dem Gesagten geht aber hervor, daß die Gedächtnisübungen, wenn sie nichtdie Auffassung der Sache durch den Verstand zu ihrem Hintergründe haben, keinenWerth und keinen bleibenden Erfolg haben können, und daß man den oben ange-führten Grundsatz:So viel wissen wir, als wir behalten" auch umkehren und sagenkann:Sv viel behalten wir, als wir wissen". Die menschlicke Seele ist zwar soorganisirt, daß sie auch sinnlose Zeichen und Laute in sich aufnehmen und eine Weileauswendig behalten kann. Aber solch ungeistiger Gehalt haftet nur sehr äußerlich inihr und geht sehr bald wieder verloren. Ganz anders verhält sich die Sache, wennder sinnlichen Erscheinung eine geistige Wesenheit zu Grunde liegt; in diesem Fallekommt der Geist erst im wahren Sinne des Wortes zu sich selbst und nimmt dendargebotencn Inhalt auf eine bleibende Weise in sich auf.

Allein man darf nicht übersehen, daß das Verständnis der allerwichtigsten undfolgenreichsten Dinge von Stufe zu L>tnfe sich entwickelt und meist sehr spät sich voll-endet, wenn es sich überhaupt vollendet. Dies gilt vor allem von religiösen Ideen,die erst durch eine reiche Lebenserfahrung ihr volles Verständnis und Interesse er-halten. Hier erscheint cs heilsam, religiöse Lieder und Sprüche frühzeitig dem Ge-dächtnis einzuprägen, damit sie zur Zeit der Noth und Gefahr in der Seele gegenwärtigsind und ihre Kraft beweisen. Es ist recht gut, wenn die Kinder solche Lieder undSprüche zunächst mechanisch ins Gedächtnis aufnehmen, wenn nur die weiterenOperationen, durch welche sich solcher Inhalt im Geiste und Ge-müthe für alle Zeiten festwurzelt, Nachfolgen. Auch für mathematischeund philosophische Wahrheiten erscheint es in vielen Fällen ganz nützlich, wenn manmit diesem mechanischen Theil der Assimilation, den man mit dem Namen des Aus-wendig lernens bezeichnet, den Anfang macht, wenn nur das Jnwendigleruenredlich nachgeholt wird. Mit Recht sagt Hegel: eine Erkenntnis, sie sei welche siewolle, auch die höchste, müße man, um sie zu besitzen, im Gedächtnisse haben, manmöge nun damit anfangen oder damit endigen; werde damit angefangen, so habe manum so mehr Freiheit und Veranlassung, sie selbst zu denken. Es giebt noch einenGrund, weshalb man wenigstens gewiße sprachliche Erzeugnisse Wort für Wort aus-wendig lernen muH. Dieser Grund liegt in der Form der Schriftwerke. IhreVollendung liegt nicht bloß in der Tiefe des Gedankens, sondern besonders auch inder Form der Darstellung. Ein im Gedächtnis gegenwärtiger, formell vollendeterInhalt wirkt fast bewußtlos auf die Bildung des Formsinns; freilich aber in einemum so höheren Grade, je mehr man bei jeder passenden Gelegenheit darauf zurückgehtund ihn immer tiefere Wurzeln in Geist und Gemüth schlagen läßt.*)

Gedächtnisübung, s. Memorsren.

Geduld, s. Erzieher.

Gefühllosigkeit, Roheit, Thierquälerei. Gefühllosigkeit ist die Abwesen-heit der edleren sittlichen Gefühle, hervorgehend aus dem Mangel des sympathe-tischen Gefühls. Dieses, obwohl es noch überwiegend sinnlicher Natur undkeineswegs dem rein sittlichen Wohlwollen gleichzustcllen ist, bildet doch die noth-wendige Grundlage für die sittliche Bildung überhaupt, weshalb wir auch mit Recktseinen Mangel als Roheit und Barbarei bezeichnen. Wir haben das Kind vorGefühllosigkeit zunächst und vor allem dadurch zu bewahren, daß wir seinen Egois-mus, wo er hervortritt, beschränken und seinen Willen in Zucht nehmen. UcbrigenShat selbst der Zerstörungstrieb als Moment in der Entwicklung des Geistes seine Be-

*1 Vgl. Wiese, Deutsche Briefe, S. 87: Palmer, Päd., S. 383 ff., 383 ff.; Held,Schulreden, S. 18654; Mager, Die genei- Methode, S. 20412; Wnitz, Päd., H. 24