Gedächtnis.
501
menschlichen Seele von Stufe zu Stufe bis in alle Ewigkeit möglich gemacht. TasGedächtnis allein bewirkt es, daß ein Mensch nicht immer wieder von vorn anzufangenhat, sondern die bereits erarbeiteten Resultate als Material zu immer neuen Bildungenverwenden und so sein geistiges Selbst bis ins Unendliche erweitern und vertiefenkann. Ja noch mehr! Das Gedächtnis ist keine neben und außer dem Geisteseiende Kraft, sondern der seines Inhalts gewiße und ihn bewahrendeGeist selbst. „So viel wissen wir, als wir behalten!"
Zu einem guten Gedächtnis gehört, daß man 1) etwas behält und 2) sichdessen wieder erinnert. Behalten wird eine geistige Substanz, wenn sie mirnicht bloß zeitweilig angehört, sondern ein lebendiger Bestandtheil meines Selbst istund so gewiß für alle Zeiten fortexistirt, als ich selbst fortexistire. Die Art und Weiseaber, wie die geistige Substanz in der Regel behalten wird, ist eine bewußtlose. Vonden unendlich vielen Dingen, die ich im Gedächtnis trage, habe ich immer nur einsim Selbstbewußtscin, was ich gerade zu meinen weiteren geistigen Operationen ge-brauche. Es gehört mit zu einer gesunden Verfassung des Geistes, daß ich alles, wassich etwa sonst noch von der Fülle des in mir vorhandenen Stoffes in das Bewußtseinhcrcindrängen will, in das Reich der Bewußtlosigkeit zurückscheuche. Die Fähigkeit,dasjenige, was ich behalten habe, in jedem Augenblick gleichsam aufzuwecken und insLicht des Bewußtseins hereinzurufcn, ist das zweite Moment des Gedächtnisses —nämlich die Kraft, sich seines geistigen Stoffes zu erinnern. Diese Fähigkeit isterst dann so, wie sie sein soll, wenn die Vorstellungen mit unmeßbarer Schnelligkeitaus dem Schachte der Innerlichkeit ins Bewußtsein gerufen werden.
Diese beiden Eigenschaften eines guten Gedächtnisses, Festigkeit und Treue deSBehaltens und Sicherheit und Schnelligkeit des sich ErinnernS, hängen sehr von derArt und Weise ab, wie der geistige Inhalt, der dem Gedächtnis anvertraut werdensoll, zuerst aufgefaßt und ausgenommen wird. Daß so vieles und so rasch demBewußtsein wieder verloren geht, ist allein dem Umstande zuzuschreiben, daß man essich nicht gründlich assimilirt hat. Was man zu einem wirklichen Eigenthume seinesGeistes gemacht hat, das geht nicht wieder verloren. Man versenke nur die Seelemit aller ihrer Kraft in einen Gegenstand, und man wird finden, daß auch das Ge-dächtnis für alle Zeiten mit demselben bereichert ist, daß es ihn in sich hält und trägtund zu jeder Zeit reproduciren kann. Die Mittel, die dazu dienen, der Seele dasVerständnis eines Gegenstandes zu eröffnen und durch das Verständnis Interessedafür einzuflößen, sind daher auch die Mittel, um denselben dem Gedächtnis für immereinzuprägen, und es giebt unseres Erachtens keine anderen. Ist irgend eine Beobachtunglehrreich, um zu erkennen, auf welche Art und Weise ein geistiger Stoff sicher insGedächtnis ausgenommen werden kann, so ist es die Beobachtung des kindlichen Alters.Zu den allerwichtigstcn Besitzthümern, die die kindliche Seele sich erwirbt, gehört offenbardie Muttersprache. Sitzt irgend etwas recht fest im Gedächtnis, so sind es die Worteder Muttersprache. Hat sich aber auch irgend etwas ans naturgemäßem Wege festge-wurzelt, so sind es die Worte der Muttersprache. Wären sie dem Kinde bloß alsvereinzelte Laute miigetheilt worden, es würde dieselben nimmermehr gemerkt haben.Aber jedes Wort ist selbst ein Resultat vieler einzelnen Beobachtungen und wird, wennes einmal gewonnen ist, umgekehrt auch gebraucht, um viele einzelnen Beobachtungen zubegreifen, und so wird es ein lebendiges äigenthum des Geistes und darum auch des Ge-dächtnisses. Das Vereinzelte als solches würde leicht und schnell aus dem Gedächtnisverschwinden; aber das Einzelne als das mit sich Identische in einer Fülle von Unter-schieden — das haftet und wird behalten. Es geht daraus nun zugleich auch hervor,was für eine große Bedeutung die Wiederholung für das Aufbewahren einesgeistigen Inhalts im Gedächtnis hat. Man sagt nicht zu viel, wenn man die Wieder-holung als das hauptsächlichste, wo nicht als das einzige Mittel zum Behalten be-zeichnet. Aber die Kraft der Wiederholung besteht nicht bloß darin, daß ich denselbenEindruck einer Sache zu verschiedenen Zeiten immer wieder in mein Bewußtsein auf-nehme, sondern noch mehr darin, daß ich ein und dieselbe Sache in den verschie-denartigsten Situationen beobachte und sie in allen noch so verschie-denen Beziehungen als eine und dieselbe erkenne. Der Geist selbst ist dieabsolute Einheit in einer Fülle zahlloser Unterschiede und daher widerstreitet das bloß