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1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Frömmigkeit.

Ergriffen;'eins vorzugsweise den Maßstab dafür abgiebt, ob die Liebe eine echte undwahre sei oder das Gcgentheil: so gewiß ist Frömmigkeit nicht zunächst nach demErnst und der Wärme der individuellen Gesinnung zu beurtheilen, sondern nachder cbjcctiven Wahrheit und Wesenhaftigkeit ihres Grundes. Sonst müßten z. B.Schwärmerei und Bigotterie, wenn sie nur aufrichtig und ernstlich gemeint wärm,denselben Werth haben, wie die reinste Art der Gottseligkeit. Das unterscheidendeKennzeichen der wesentlichen Frömmigkeit ist aber darin gelegen, daß sie den Menschenvon der Gebundenheit au die Creatur und von der Selbstsucht befreit, ihn also imhöchsten Sinne des Wortes sittlich macht.

Mit dem Bisherigen ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß die individuelle Frömmig-keit innerhalb einer sonst mangelhaften Gottescrkenutnis einen vergleichsweise höherenGrad erreichen könne, als bei einem andern Individuum, das dem Kreise der reinstenReligion angehört. Denn die Frömmigkeit kann schon durch das bloße Befolgen desin das Herz der Menschen geschriebenen Sittcngesetzes (Röm. 2) und durch die ebensotreue als innige Benützung der in jeder Religion liegenden ursprünglichen Wahrheiteneine Stärke und Reinheit gewinnen, wie sie demjenigen abgeht, der zwar eine reinereErkenntnis besitzt, aber innerlich von derselben nicht durchdrungen ist. Nur ist einesolche Erscheinung, wie überhaupt schon selten, so auch insbesondere immer als eineindividuelle Ueberwindung der Schranken anzusehen, welche dem Einzelnen durch dieGotteserkenntnis seiner Zeit und seines Geschlechtes gezogen sind. Wir erinnern anLessings Nathan.

Den objectiven Bedingungen der Frömmigkeit entsprechen die subjectiven,voran das, was man als Naturanlage zur Frömmigkeit bezeichnen kann.Es läßt sich aus der Erfahrung Nachweisen, daß das eine Kind von Geburt an schoneinen bestimmten, oft sehr mächtigen Zug zu allem dem hat, was zur Erzeugung derFrömmigkeit dient, während bei dem andern entgegengesetzte Neigungen sich kundgebenoder wenigstens durchaus kein positiver Trieb derart sich entdecken läßt. Aber dieseThatsache beschränkt sich keineswegs auf die einzelnen Menschen, auch die Nationenzeigen eine solche Verschiedenheit der Anlage zur Frömmigkeit. Mit der Anerkennungdieser Thatsache ist nicht gesagt, daß derjenige Mensch oder dasjenige Volk, welcheeine solche Anlage nicht besitzen, an und für sich in ihrem Heile verkürzt wären, dadie Anlage im Gewissen überall vorhanden ist und durch Ueberwindung natürlicherHindernisse oft ein höherer Grad der Frömmigkeit erreicht wird, als durch die bloßeAusbildung einer vielen Abwegen ausgesetzten Naturanlage. Es ist daher weiterdarauf Gewicht zu legen, daß die freie Willensthätigkeit zur Naturanlage hinzukom-men, beziehungsweise sie ergänzen muß, wenn die Frömmigkeit ihrem eigentlichenWesen entsprechen soll. Dazu gehört vor allem die Erziehung zur Frömmigkeit,d. h. die leitende Einwirkung eines bereits durch die stetige Richtung auf Gott ver-edelten Willens auf das Gewissen des Kindes, zu dem Zwecke, die vorhandene AnlageinS Treiben zn bringen, sie zu stärken und zu reinigen. Wesentlich ist bei dieser Aus-gabe einerseits die volle evangelische Freiheit und genaues Maßhalten in Anwendungder Erbauungsmittel; andererseits auch die fortgesetzte Uebung der Zucht des Gesetzesgegen alles das, was der Frömmigkeit offenbar widerstrebt. Denn das häufige Mis-ratheu der Kinder frommer Eltern hat in den meisten Fällen seinen Grund darin,daß zuviel Aeußerung der Frömmigkeit gefordert, die Aeußerung der Sünde aber zuwenig, und nieist weniger beschränkt wird, als die der natürlichen Triebe zum jugend-lichen Lebensgenüsse auch unschuldiger Art. Nächstdem wird sich die Erziehung beson-ders davor zu hüten haben, daß sie nicht einen bestimmten Typus der Frömmigkeitsich vorsetze, der von jedem einzelnen Kinde zu erreichen wäre, da die Aeußerungenderselben je nach dem Naturell, Temperament, Alter, Geschlecht und Stand der Ein-zelnen höchst verschieden sein können. Sodann wird es ihre Aufgabe sein, positiv jedebesondere Aeußerung der Frömmigkeit zu pflegen, welche in dem einzelnen Kinde etwazu Tage kommt und sich als eine gesunde Regung erweist.

Ties führt uns schließlich dahin, die besonderen Erscheinungen der Fröm-migkeit und die mannigfaltige Verkehrung derselben ins Auge zu fassen. Es verstehtsich, daß die nächste und nothwcndigste Darstellung der Frömmigkeit in solchenHandlungen geschehen muß, welche zur Offenbarung und Belebung der Gottesgemein-