486 Freundschaft, Jugeudfreundschaft. Friedrich der Große.
scheu Neigung zu dem Freunde zu vergessen. In Bezug auf die Weltanschauung, diein dieser Zeit durch den Freundcsverkehr gefördert zu werden pflegt, giebt es haupt-sächlich zwei Irrwege, von denen der eine sich als Uebcrspannung des Gefühls, derandre als frühreifes Eingreifenwollen in die öffentlichen Verhältnisse kennzeichnet. —Dem Jüngling, dessen Freundschaft auf den Irrweg der Sentimentalität geräth, ist einkräftiges: Jüngling, ich sage dir, stehe aus! zuzurufen und zu zeigen, daß der poetischeGenuß eben nur Genuß sein soll, der durch tüchtige Arbeit und Rüstung für denkünftigen Beruf verdient werden muß. — Wird dagegen der entgegengesetzte Irrwegeingeschlagen, daß die Freunde schon jetzt umgestaltend ins Leben eintreten wollen, wiedas besonders in aufgeregten Zeiten geschieht, dann gilt es gleichfalls, die Jünglingeauf den nüchternen Boden des Lernens mit einem energischen: Hier zeig, was dukannst! hinzuweiscn. Selbst dann aber, wenn den Dämpfer aufzusetzen in bewegterZeit nicht völlig gelingen sollte, müßen sich alle, die selbst an Freiheit und Vaterlandein tieferes Interesse haben, darüber freuen, wenn in dem Freundesverkehr der Jüng-linge die Gesinnungen gepflegt werden, welche einst das Vaterland gegen außen zuschützen und im Innern in der realen Freiheit zu fördern, geeignet sind; und wer
mag es wehren, wenn je und je auch der Freundschaft junger Mädchen die Glut für
die großen Interessen der Nation und Menschheit nicht fremd ist?
Der Werth der Jugeudfreundschaft scheint durch die Betrachtung sich zu ver-mindern, daß sie häufig von kurzer Dauer ist, daß der Mann sich oft mit den
schwärmerischsten Freunden seiner Jugend auf ganz verschiedenen Bahnen sieht. Diewechselseitige persönliche Werthschätzung aber kann gewesene Freunde dazu treiben, sichnicht aufzugeben, sondern in Liebe zu ringen, bis sie sich aufs ueue in dem gefundenhaben, in weichein der Mensch erst zu seinem wahren Wertste kommt. Darum mußsich der, welcher für die Erziehung der Jugend Interesse hat, immer freuen, wenn erirgendwo Jugeudfreundschaft in frischer Blüte stehen sieht. Man sagt, sie gedeiheheute nicht mehr wie vor Zeiten. Und es mag wahr sein, daß der oberflächliche,prosaische, industrielle, materielle Geist unsrer Tage eine sehr ungünstige Luft ist fürdas tiefe, warme, poetische, identische Leben der Jugendfreundschaft. Doch ist gewißnicht bloß Verlust auf der Seite unsres Zeitalters. Haben die Jugendfreundschafleiiabgenommen, die ihre Nahrung besonders aus dem Reiche der Poesie zogen, so habenwir dafür eine hoffnungsreiche Saat für die Zukunft unsres Volkes in den Jugend-freundschaften gewonnen, die in Gesellen- und Jünglingsvereinen „auf Jesu Marler"geschlossen worden sind. Und in solchem Betracht ist eben den Jünglingsvereinen alseinem Boden für Entwicklung solcher Freundschaften reichliche Pflege zu gönnen.
Friedrich der Große. Abgesehen von seiner indirecten Bedeutung für Er-ziehung und Bildung der deutschen Nation ist Friedrich der Große wichtig gewordentheils als Beherrscher eines Landes, in dessen Schulwesen er energisch eingriff, theilSdurch seine ausgebildeten und bestimmten Ansichten über die verschiedensten Gegen-stände der Erziehung und des Unterrichts. In erstcrer Hinsicht ist es namentlich da-Volksschulwesen, das von Friedrichs Einwirkung bis auf den heutigen Tag die Spurenträgt. Auf ihn ist insbesondere die Auffassung der Volksschule als einer Staats-anstalt zurückzuführcn, während dieselbe in ihrem Entstehen rein kirchlicher Natur war(vgl. d. Art. „Errichtung und Erhaltung der Schulen"). Und diese Auffassung istcs, von der in den meisten Ländern der Erde spätere Nachahmungen des preußischenVolksschulwesens als von einer selbstverständlichen auszugehen pflegten. Wie eine sogewaltige principielle Umgestaltung nicht nur möglich war, sondern auch fast un-merklich vor sich gehen konnte, ist leicht einzusehen, wenn man die eigenthümlicheDoppelstellung evangelischer Fürsten, wie die Reformation sie geschaffen hatte, alsInhaber der obersten Staats- und Kirchengewalt, ins Auge saßt. Zwar begiengFriedrich, der für seine Person so deutlich sich dahin aussprach, daß der König keinPriester sein solle, indem er die Volksschule dennoch als Staatsanstalt behandelte, imGrunde nicht nur eine Jnconsequenz, sondern eine eclatantere GebictSverletzung alsbei der Eroberung Schlesiens. Aber dem allgemeinen Bewußtsein erschien sie nichtals solche: widerspruchslos wurde die Besitznahme eingeräumt und hiedurch das gegen-wärtige Rechtsverhältnis geschaffen. Dazu kam, daß Friedrich der Volksschule ihrenreligiösen Charakter ließ und weit davon entfernt war, Aufklärung in derselben heimisch