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Freiheit des menschliche» Willens.
dasselbe sei ja nur die natürliche und nothwcndigc Folge des Gcsammtzustandes. Diewahre christliche Reue gehe daher nur auf den Gesammtzustand und blicke von derEmpfindung der Verkehrtheit des gegenwärtigen Zustandes auf den durch die Erlösungzu empfangenden hinüber. Diese Meinung beruht auf einer gewaltigen Verwirrungder Begriffe. Denn die einzelne böse That ist eben nicht die natürliche und nothwcndigcFolge des verkehrten Gesammtzustandes, ist nicht die metaphysisch, sondern ethisch noch-wendige Folge desselben, so daß jede einzelne That noch irgendwie freie That desWillens ist. Wie könnte sonst der Sünder die einzelne That als solche bereuen, undwie könnte sonst ein großer Verbrecher an Stadien in seinem Leben ankommen, wo esauch für ihn noch eines wirklichen Entschlusses bedarf, um selbst diese Schranken nochzu überspringen! Freilich, je geschärfter des Menschen sittliche Erkenntnis wird, destoentschiedener wird er auch den Zusammenhang der einzelnen bösen That mit seinemverkehrten Gesammtzustand erkennen, ebenso gewiß aber auch einsehen lernen, daß erden verkehrten Gesammtzustand in sich aufznheben vermag nicht durch die Kraft seinerformalen Freiheit, weil diese eben durch diesen Gesammtzustand gelähmt ist. DieseUnfähigkeit hat also ihren Grund'in der entstandenen realen Unfreiheit des Willensund diese letztere stammt aus der formalen Freiheit und der falschen Richtung, welchesie «ungeschlagen hat, nicht aber ist sie, wie der Determinismus unterstellt, die Folgeder ursprünglichen Nichtfreiheit des menschlichen Willens; denn wenn dies derFall wäre, könnte auch die Reue als solche nicht ans den sündhaften Gesammtzustandgehen. Wenn nun aber auch der Sünder den neuen sittlichen Lebensstand nicht durchdie That seiner formalen Freiheit erreichen kann, so kann doch die formale Freiheitauch nicht so gänzlich in ihm aufgehoben sein, daß nicht noch das Verlangen nach demBesseren und Guten durch die göttliche bekehrende That in ihm hervorgerufcn undvon ihm selbst dann innerlich ergriffen und affirmirt werden könnte. Vielmehr istdie ganze christliche Lebensgcstaltung das gemeinsame Werk der göttlichen Gnade undder menschlichen Freiheit, und zwar in der Art, daß die Freiheit vor allem eine Frei-heit des Empfangens oder eine freie Empfänglichkeit des Willens ist. Die Kaut'schePhilosophie und die durch sie insluirte Pädagogik ist es insbesondere, welche denJrrthum sozusagen kanonisirt hat, daß das sittlich-religiöse Leben einen sittlichen Werthnur habe, sofern es durch die eigene Kraft und die Anstrengung des menschlichenWillens erzeugt ist, und daß ebendarum die göttliche Gnade für die Gestaltung dessittlich-religiösen Lebens in Anspruch nehmen nichts anderes sei, als der sittlichenTrägheit ein Faulheitskisscn bereiten und die menschliche Natur herabwürdigcn. Soverbreitet und sich breitmachend dieser Jrrthum ist, so ist und bleibt er doch ein Jrr-thum, wie dies schon aus dem Wesen des Glaubens als des Princips des christ-lichen Lebens klar hervorgeht. Oder sollte das gänzliche Verzichten auf sich selbst, dasHinaustreten aus allem eigenen Werth-, Rechts- und Kraftgefühl und das willigeEingehen in die ganze Wahrheit, wie es im Glauben gegeben ist, sollte dies nicht
eine sittliche That und eine weit größere, ans der gewaltigsten innern Anstrengung
geborne sittliche That sein, als irgend eine Leistung der menschlichen Tugend, welchein dem löcherichten und schmutzigen Mantel eigener Kraft und eigenen Verdienstes sichbläht? Und wenn nun in diesen Glauben hinein das neue Leben aus Gott gezeugtist, so sind es wieder die Gnade und die Freiheit, welche mit einander wirken und
wirken mäßen, um das zur Entfaltung und Gestaltung zu bringen, was in der Wieder-
geburt begonnen ist. Vgl. Philipp. 2, 12. 13. 2 Petri 1, 10, il.
Es gehört der ganze Eigensinn und die ganze Kurzsichtigkeit banal gewordenerphilosophischer Voraussetzungen dazu, um in der bisher entwickelten Anschauung vonder Freiheit Widerspruch und Jnconsequenz zu finden und in ihr die sittliche Lauter-keit, Wahrheit und Kraft zu vermissen. Ebendarum ist es auch nicht nöthig, nochviele Worte zu verlieren über die Bedeutung und Berechtigung dieser Anschauung fürdie Pädagogik, indem von selbst in die Augen springt, daß dem Hochmuth, der Un-geduld und dem doch wieder mit ungerechter Strenge wechselnden philanthropischenLiberalismus einer pelagianischen Pädagogik gegenüber, welche der menschlichen Naturmit Kräften schmeichelt, die sie nicht besitzt, und Forderungen an sie stellt, welche siefür sich allein nicht erfüllen kann, ein Standpunct sich wird behaupten können, welcherden Menschen in den Staub beugt, nur um ihn desto mehr zur wahren Höhe zu er-