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1 (1877) A - Liebe
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Francke.

allgemeine Gesichtspunct aber, der bei allem Unterricht festgehalten wurde, war,derJugend zu zeigen, daß alles Wissen eitel sei, wenn es nicht die wahrhaftige und lautereLiebe gegen Gott und die Menschen zum Grunde habe." Dennein Quentchen lebendi-gen Glaubens sei höher zu schätzen, als ein Centner bloß historischen Wissens, und einTropfen wahrer Liebe, als ein ganzes Meer der Wissenschaft aller Geheimnisse."

Um die Erziehung sicher zu leiten, ordnete Francke eine ununterbrochene Aufsichtan. Die Lehrer, welche dieselbe führten, wohnten und lebten mit den Knaben zu-sammen; sie sollten die unzertrennlichen Gefährten ihrer Zöglinge sein. Der Geist,in welchem die Disciplin gehandhabt werden sollte, war durchaus der Geist derevangelischen Liebe, der ja freilich den Ernst nicht ausschließt, sondern im Gegentheilrecht eigentlich bedingt. Schon in den äußern Einrichtungen spricht sich dieser Sinnaus: bei allen für die Zwecke der Erziehung bestimmten Räumen wurde auf Ge-räumigkeit, Helligkeit und Freundlichkeit das größte Gewicht gelegt.

Da der Unterricht fast durchgängig von Studenten ertheilt wurde, und einhäufiger Wechsel der Lehrer unvermeidlich war, so wurden, um die nöthige Stetigkeitdes Ganges möglichst zu erhalten, sehr sorgfältige und ins einzelne gehende In-structionen für alle Unterrichtszweige ausgearbeitet, ebenso für die Handhabung derDisciplin. Sie zeugen alle von großer praktischer Erfahrung und Einsicht. Einejede Anstalt hatte einen oder mehrere Jnspectoren, welche selbst keinen Unterricht er-theilten, aber die Aufgabe hatten, durch unausgesetzte tägliche Jnspection allerstunden und daran geknüpfte Belehrung und häufige Conferenzen die möglichst genaueAusführung der Instructionen zu bewirken. Das oben schon erwähnte Seminardiente dazu, die jungen Leute durch mancherlei Anweisung und Unterricht dafür vor-zubereiten. Zu allen diesen Maßregeln kamen sehr häufige Examina, welche theilSprivatim, theils öffentlich gehalten wurden. Der lebendige Mittelpunct des Ganzenaber war Francke; alle Fäden des weitläufigen Werkes liefen in seiner Hand zu-sammen. Alles darauf bezügliche wurde theils in häufigen, in den ersten Jahrentäglich gehaltenen Conferenzen mit den Jnspectoren berathen, theils schriftlich ver-handelt. Die fortwährende Verbesserung der Einrichtungen und die Beseitigung derMängel war stets sein Augenmerk. In unmittelbare Beziehung zu der Jugend trater theils durch die von ihm gehaltenen öffentlichen Gottesdienste und ErbauungS-stnnden, theils durch seine Betheiligung an den Prüfungen, an welche sich eine An-sprache von seiner Seite, auch oft die Verkeilung von kleinen Gaben knüpfte.

Diese Erziehungsmittel werden jedem als durchaus entsprechend und von großerpraktischer Weisheit dictirt erscheinen. Nur darüber möchten Zweifel aufsteigen, obnicht die ascetische Richtung zu stark betont sei. Freilich dürfen wir bei der Be-urtheilung dieser Frage den Maßstab nicht nehmen von der Jugend unserer Zeit, diein religiösen Dingen am wenigsten vertragen kann, was man damals noch wohl ver-trug. Doch ist nicht zu leugnen, daß Francke sowohl in seinen Bedenklichkeiten, alsauch in seinen Forderungen religiöser Beschäftigungen und Uebungen zu weit gieng,was sich aus dem Gegensatz gegen den zu seiner Zeit herrschenden Formalismus leichterklärt. Auch sind die Wirkungen dieser Maßregeln, so lange Francke lebte, im all-gemeinen höchst segensreich gewesen. Anders gestaltete sich die Sache allerdings, alsnach seinem Tode sich jener krankhafte Pietismus ausbildete, der auf die äußere Ge-stalt der Frömmigkeit großes Gewicht legte, ohne ihre Kraft zu besitzen.

Francke's Wirksamkeit erfreute sich indessen einer immer steigenden Anerkennung.Aus allen Ständen, aus den verschiedensten Gegenden und Ländern, selbst von nichtdeutschen, wurden ihm Knaben zugeschickt. Auch von Seiten seiner Landesfürsten,der Könige Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I., erfreute er sich einer immerwachsenden Achtung und Förderung, und namentlich trat der letztere in nahe Be-ziehungen zu ihm. Und noch erweiterte sich der schon so ausgedehnte WirkungskreisFrancke's um zwei neue Gebiete: es waren dies die 1705 ins Leben gerufene ostindischeMisstonsanstalt und die von dem Freiherrn von Canstein 1710 gegründete und mitFrancke's Anstalten von Anfang an aufs engste verbundene Bibelanstalt.

Allen diesen Thätigkeiten konnte Francke, durch eine gute Constitution begünstigt,seine Kräfte unbehindert bis in sein 63. Jahr widmen. Infolge einer sehr heftigenDysurie entschlief er den 8. Juni 1727.

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