Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
437
Einzelbild herunterladen
 

Familie, Familicngeist, Familiensinn.

437

d) Spcciell aber wirkt es in obengenannter Richtung sehr gut, wenn die Elternvon ihren Eltern und Großeltern den Kindern fleißig zu erzählen wißen. Hi^rirsind Familienbildnisse sehr erwünscht; wie nicht minder die Anlegung von Familien-chroniken, Wie sie die Väter einst auf etliche der Hausbibel beigebundene Blätter ein-jrugen, eine zweckdienliche Herstellung alter Sitte wäre. Das jedenfalls ist undbleibt richtig: von Großvater und Urgroßvater nichts wißen zu wollen, selbst Vaterund Mutter lieber zu vergeßen, da sie ja noch nicht auf der Höhe der Zellbildungstanden, das ist proletarisch, darin verräth sich der ächte Bummlersinn, der in seinemwindigen Selbstbewußtsein alles Gedächtnis und alle Pietät ausgelöscht hat.*)

e) Riehl macht a. a. O. ebenfalls mit Recht darauf aufmerksam, daß sich derFamiliensinn auch an die der Familie zugehörigen Realitäten, an Haus und Haus-rath, an Kirchenstühle und Gräber knüpfe. Doch darf in dieser wie in anderenBeziehungen nicht vergessen werden, daß der Ccnservatismus unserer Vorväter unterden einmal vorhandenen und nicht zu umgehenden Verhältnissen, Durchkreuzung derStände, Mobilität der Beamten u. s. w., einer Modifikation unterliegen muß. Indem Umfang, wie Riehl sich die Ccnsistcnz des Familienbesitzes unter obigem Ge-sichtspunkte denkt, ist dieselbe nur bei adeligen Familien und bei der reichen Bauerschastmöglich. Unsere Zeit bietet dafür ein anderes, von weitverzweigten Familien öftersangewendetes Mittel, das freilich nur für die Lebenden vorhanden ist, jedoch, rechtgebraucht, auch das Gedächtnis der Todten wach erhalten hilft, nämlich Versamm-lungen aller Familienglieder nach bestimmten oder beliebigen Zeitabschnitten.

ä) In manchen Familien ist es traditionell, eine gewiße Stetigkeit in derNamengebung zu beobachten. Immerhin kann, wie der Tausname überhaupt, so der-selbe als Name eines trefflichen Vaters, Großvaters u. s. w. dem Kinde mit zueinem Sporn dienen, sich dieses geehrten Namens würdig zu zeigen.

e) Eine edle Frucht alten Familiensinnes haben wir in einer Menge von Stif-tungen zu genießen, die für alle möglichen Zwecke, namentlich für Studien und fürdie Armut gemacht sind. Wer vom Elternhause her gewöhnt worden ist, alles derartige,wie unter dem allgemeinen GesichtSpuncte der Dankespflicht, so spcciell unter dem derFamilien Pietät aufzufassen, der wird auch solch eine Gabe mit dem rechten Sinn em-pfangen ; das Edle solch einer auf Jahrhunderte hinausreichcnden Familiensorge wirdihm fühlbar und in ihm wirksam sein.

k) Manche jungen Leute bringen Familiensinn aus der Heimat mit, aber aufdem Gymnasium, auf der Universität verlieren sie ihn leicht. Deshalb ist es vongrößtem Werth, daß solche junge Leute, die dies Bedürfnis haben, Zutritt in Fami-lien finden, wo sie nicht Staatsvisiten zu machen haben, sondern daheim sein dürfen.Ehemals war den Lehrlingen, den Provisoren, Commis, Substituten u. s. w. immeram Familicntisch gedeckt; jetzt zahlt man sie aus und schickt sie ins Wirthshaus, umnicht genirt zu sein; damit legt man den Grund zu jener Gesinnung, die das Hausals einen Kerker, die Schenke als rechte Heimat betrachtet.

§) Wir haben oben gesagt, das Familienleben müße ein nach außen relativ ab-geschlossenes sein. In dieser Beziehung ist noch ein Moment besonders zu erwähnen,das zur Pflanzung des Familiensinnes durchaus nothwendig ist: daß nämlich dieinnern Angelegenheiten des Hauses auch innere bleiben. Hieran müßcn auch dieKinder früh gewöhnt werden. Es soll von dem, was im Hause vorgeht, nirgendsgesprochen werden; denn das thun, heißt eben den Familiensinn verleugnen. Und daes von Kindern, ohne eigentlich Arges zu wollen, in Gedankenlosigkeit und Leichtsinngeschieht, so muß die Zucht dem steuern und dadurch dem Kind über seine eigeneEhre, die eins ist mit der gemeinsamen, die Augen öffnen. Die Kehrseite dieserAbgeschlossenheit nach außen ist die, daß nach innen alles offen, alles gemeinsam ist.Keines der Kinder soll Verbindungen haben und Wege gehen, die dem Hause ein

*) Vilmar (Schulreden über Fragen der Zeit S. 83 s.) führt in dieser Beziehung aus,wie es zunächst darauf ankomme, daß man dem Kinde von den früheren Jahren seines Daseinsan eine Geschichte seines eigenen Lebens gebe u. s. f. Vgl. auch die treffliche RedeVon den Welt-menschen und den Hausmenschen" a. a. O. S. 23 ff.