Ethik.
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behandelt das „System der christlichen Sittcnlehre" rc. von Heinrich Merz. Tübingen1841. — Feuerlein hat seinerzeit die Geschichte der philosophischen und der christ-lichen Sittenlehre (Tübingen 1855—59, 3 Theile) im Zusammenhänge bearbeitet. —Martcnsen's christl. Ethik, aus dessen Nachlasse seit 1873 hervorgctretcn, hat sichschon als ein bedeutendes Werk vielseitige Anerkennung erworben.
Zur weitern Orientirung über den Inhalt und die Behandlungsweise der Ethikdiene Folgendes.
1) Sic ist die Wissenschaft vom sittlich Guten. Es fragt sich sonach zuerst, wasdenn der Begriff des sittlich Guten selbst sei; hiemit wird immer auch schon dieRealität des sittlich Guten, d. h. des absoluten Gegensatzes von Gut und Böse fest-gestellt sein, die ohnehin im Ernste nur vom Materialismus geleugnet wird, der sicheben an diesem Puncte als dasjenige zeigt, was er ist, nämlich nicht ein wissenschaft-liches System, sondern eine Gesinnung. Jene Definition nun haben die älterenMoralisten in der Form eines sogenannten Moralprincips ausgesprochen, d. h. einesobersten Satzes, aus dem alle guten Gesinnungen und Handlungen abgeleitet werdenkönnen. Das berühmteste Beispiel eines solchen ist das kantische: „handle so, daß dieMaxime deines Willens jederzeit zum Princip einer allgemeinen Gesetzgebung erhobenwerden kann." Von solchen Sätzen allen gilt dasselbe, was von ähnlichen sogenanntenPrincipien der Pädagogik: entweder sind sie rein formell, so daß sie ihren realenInhalt erst anderswoher empfangen müßen; oder geben sie nur eine einzelne Seitedes sittlich Guten an, so daß es unmöglich ist, aus ihnen alle ethischen Sätze abzu-leiten. — Daher hat die Herbart'sche Schule von vornherein darauf verzichtet,einen einzigen Satz als Princip der Moral an die Spitze zu stellen; vielmehr, indemsie die Ethik definirt als die Wissenschaft von dem Wollen, das absoluten Werth hat,geht sie sofort lediglich von der Thatsache des Bewußtseins aus, daß es in Bezugauf das menschliche Wollen eine unwillkürliche, sich absolut geltend machende Billi-gung oder Misbilligung giebt, die den Werth desselben bestimmt. Den Maßstabdieses Werthcs aber haben wir ebenso ursprünglich in den ethischen Ideen, d. h. indenjenigen Musterbildern, an denen sich, sobald und so oft sie in die Darstellungtreten, jenes absolute Wohlgefallen äußert. Es ist der unbestreitbare Vorzug derAnschauung Herbart's vor der Hegel's (s. u.), daß er das Moment „des Sollens" sonachdrücklich geltend macht; ebendaher rührt das bedeutende Gewicht, das Herbartallenthalben der Erziehung zuschreibt. (Vgl. d. Art. Herbart.) — Wenn es dagegenentschieden als Mangel zu bezeichnen ist, daß das Wesen des sittlich Guten als un-mittelbar in den ethischen Ideen vorliegend mehr nur empirisch bestimmt wird, wobeiimmer noch denkbar wäre, daß es solcher Ideen noch mehrere zu entdecken gäbe: sohat dafür Schleiermacher jenen Grundbegriff in principieller Weise zu con-struiren gesucht. Ethik ist ihm speculatives Wissen um die Gesammtwirksamkeit derVernunft auf die Natur. Hier also haben Wir statt irgend eines Moralprincips,gleichsam eines größten Gebots, eine Definition des sittlich Guten selbst: cs ist dasWirken der Vernunft auf die Natur, aber dies wird nun nicht als ein Sollen dar-gestellt — auch hier zeigt sich Schleiermacher als Antinomist — ; die Ethik ist so gutwie die Physik eine bloß beschreibende Wissenschaft; eine Physiologie, nicht bloß desWillens, dessen Betrachtung einen sehr untergeordneten Theil derselben ausmacht,sondern der gesammten Vernunftwirksamkeit im Menschen und durch ihn auf die ge-summte Natur, deren Anfang in der Natur sich nirgends findet und deren Zielgleichfalls nie erreicht wird. Ob damit das Wesen des Sittlichen richtig erkannt ist,läßt sich schon aus dem Grunde bezweifeln, weil der Wille, wie gesagt, nur einensehr untergeordneten Spielraum hat. — Unter die wenigen Puncte, wo Schleiermacherund Hegel sich berühren, gehört die Auffassung der Ethik. Denn Hegel stellt sowenig ein Moralprincip im alten Sinne auf, daß ihm im Gcgentheil ein absoluterMaßstab für Gut und Böse eigentlich gar nicht besteht; „mit dem Belehren, wie dieWelt sein soll, kommt die Philosophie immer zu spät," sagt er. Das, was mangemeinhin Moralität nennt, ist nur eine noch niedere Stufe des Bewußtseins, cshat nur subjective Bedeutung; auf der Höhe des objectiven Geistes, wo sich der Be-griff der Sittlichkeit im Staate und in der Weltgeschichte realisirt, verschwindet auchder Unterschied von Gut und Böse. Hartenstein sieht das Falsche an dieser.