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Empfindlichkeit.
Der Erzieher muß zu unterscheiden wißen, wessen Ursprungs die Empfindlichkeitsei, mit der er's zu thun hat. Bei dem Verwiegen physischer Ursachen kann ein Ent-gegcnwirken mittelst Strenge leicht Schaden anrichten, sei es an der leiblichen Gesund-heit oder am Gemüth; in bevölkerteren Schulen oder Erziehungsanstalten werdensolche Kinder häufig durch Mishandlung von Seiten der Kameraden verschüchtert,schief, falsch. Sie bedürfen daher besonderer Aufsicht und Fürsorge und die übrigenSchüler müßen es wissen, daß jene vom Lehrer besonders im Auge behalten undgeschützt sind. Daneben muß ärztliche Obhut gehen und auf Stärkung hingewirktwerden — unmittelbar durch leibliche Uebungen, mittelbar durch Hebung der Willens-kraft. Organismen, welche durch Verweichlichung in den ersten Kinderjahren empfind-lich geworden, bedürfen der Zurückführung auf einfache Kost, der Angewöhnung anLuft, frisches Wasser, körperliche Anstrengung, daß das üppige maste Fleisch schwinde,die Empsindungsreize sich abstumpfen. Auch die geistige Thätigkeit, womit immerauch der Wille gestärkt wird, hilft wesentlich mit zur Uebcrwindung der natürlichenSchwäche und sinnlichen Empfindlichkeit. Wird zugleich Ambition zu Hülfe gerufen,so geschehe cs mit der Vorsicht eines Arztes, wenn er Mittel anwendet, die, indemsie der Krankheit steuern, die Constitution anzugreifen geeignet sind. An welchem Ortdes Gemüthes vornehmlich der Hebel angcsctzt werden muß, von dem aus auf denphysischen Mangel zu wirken ist, das hat der einzelne Fall zu entscheiden. Manchmalist ein Kind nur krank angesichts des Lernens (Schulkrankheit), aber zum Spielenlustig; Knaben bläuen sich unter einander durch und tragen die Spuren davon ohneMurren, während die Schwiele von der züchtigenden Hand des Lehrers unter Wehe-klagen nach Haus gebracht wird, und Mädchen, die sich vor dem Küchcnfeuer ängstlichhüten, erweisen sich unempfindlich gegen Hitze und Staub des Ballsaals. Tenn eskommt nicht allein auf die sinnliche Empfindung an, sondern wie Seele und Muthsich dazu stellen, wie das Aeußere ins innere Leben übersetzt wird.
Diejenige Empfindlichkeit, welche im leiblichen Leben nicht ihren Sitz, sondernnur ihre Ausläufer hat, ist ernsthafter anzugrcifen, weil in der sinnlichen Weichheitder sittlichen Weichlichkeit cntgegengetreten werden muß. Man findet sie in allenStänden, bei Vornehmen wie bei Armen; man denke nur z. B. an Klagen der Elternüber zu vieles Lernenmüßen der Kinder, an die Verzärtelung der letzteren durch diein Kindesliebe verkleidete Eigenliebe der Eltern u. dgl. Wo man gewiß ist, keinephysischen Ursachen der Empfindlichkeit vor sich zu haben, da soll ohne Schonung da-gegen gekämpft und neben dem Zwang zur leiblichen Ucbung und zur geistigen Arbeitauch der verdiente Spott angewandt werden, damit nicht Leute heranwachsen, die, weilsie nur an das eigene Wohlsein denken, der allgemeinen Wohlfahrt im Weg stehenund im Amt wie in der Familie hinter ihrer Pflicht Zurückbleiben, und daß von denZeiten der Noth, des Krieges n. dgl. nicht ein schwammiges, winselndes Geschlechtüberfallen werde.
Die Empfindlichkeit von rein psychischer Art kommt gemeiniglich bei solchen vor,welche daheim verhätschelt worden sind und es dann bitter fühlen, wenn andere ihnennicht ebenso viel Rücksicht schenken wollen; sowie bei solchen, die sich einer geistigenSchwäche, namentlich des Urtheilsvcrmögens, bewußt sind. Dumme Leute sind hierinden Tauben ähnlich — mistrauisch und in Sorge, man verhöhne sie; so zeigen auchhäufig die Leute auf dem Land und die Ungebildeten gegenüber von Städtern undGelehrten ein Mistrauen, als wollten sie gefoppt werden, und obwohl unter sich zuden derbsten Späßen aufgelegt, nehmen sie von diesen auch wohlgemeinten Scherzgern übel auf, daher ihnen z. B. die Sprache Hebels nicht leicht mundet, und auchsonst manches anscheinend populär Geschriebene keineswegs sich als volkstümlich er-weist. Unterricht und Bildung muß solche Empfindlichkeit durch Hinwegräumung ihrerUrsachen zu heben suchen, während gegenüber dem natürlichen Mangel eben der Spruchgilt: wir, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen.
Empfindlich sind aber nicht bloß die Schwachen; auch begabte, gebildete, wohl-ausgerüstete Menschen können es sein. Namentlich der Ehrtricb macht sie dazu, daßdann ihre Seele gleichsam immer auf der Wache steht, weithin Feindseliges merkt,jeden Mangel der Anerkennung fühlt, alles auf sich bezieht. Hier liegt der Schadennimmer an bloßer sittlicher Weichlichkeit, sondern es ist die Selbstsuebt, die das eigene