Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
361
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Empfindlichkeit.

Empfindsamkeit.

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Ich zum Miitelpunct gemacht hat. Hiegegen hilft kein Mittel als religiöse Erziehung,d. h. Hinleitung zum wahrhaftigen Mittelpunct des Lebens, Anweisung, sich selbst undalles, was man ist, thut und leidet, ans Gott zu beziehen. Wer lernen will, wie einzart organisirtcS Gemüth, das jedes rauhe Lüfllcin empfindet und dennoch keinemSturm auSweicht, die Klippe der unseligen Empsindungsscligkcit umschifft, der lernePaul Gerhard und seine Trvstlieder kennen.

Empfindsamkeit, Sentimentalität. Hierunter versteht der heutige Sprachgebrauchdiejenige poetische Verfassung des Gemnths, in welcher dieses für Empfindungen, diezu Thränen führen (Ahnung, Rührung), besonders gestimmt ist, und solche nicht nurgerne über sich kommen läßt, sondern nach ihnen ansgcht.

Es ist jedoch zu bemerken, daß dieser Sinn des Wortes keineswegs der ursprüngliche,noch auch in früherer Zeit der gebräuchliche war. Kant z. B. in seiner Anthropologienennt die Empfindsamkeit „ein Vermögen und eine Stärke, den Zustand sowohl der Lustals Unlust zuzulasscu oder auch dom Gemüth abzuhaltcn," und ihm ist diese Zartheit derEmpfindung etwas männliches, der gegenüber die Gmpfindelei „eine Schwäche durchThcilnchmung an anderer ihrem Zustand, die gleichsam auf dem Organ des Empsin-dclnden nach Belieben spielen können, sich auch wider Willen afficircn zu lassen." Erstder Uebcrsetzer der Sternc'schen sentimsntal journe^, Prof. Eckert (1780), ward derErfinder des Wortes „empfindsam" im modernen Sinn. Welche Unt von Sentimen-talität aber, als einmal die Schleusten geöffnet waren, die Literatur der damaligen Zeitüberschwemmte, ist bekannt. Göthe hat jenes weiche, verweichlichende Schwärmen undSchwelgen, jenes mondschcinsüchtige Wesen von sich wcggeschafft in seinem Wcrther, aberzugleich seiner Landsleute viele damit angestcckl — bis auf die Kleidung, die bekanntlichbei Studenten und jüngeren Männern Jahrzehnte lang Wcrthcrisch war; Jean Paulversänke oftmals gerne in die sentimentale Flut, wenn nicht der Witz ihm rettendeTonnen zuwürfe, darauf er rittlings das Ufer gewinnt; im Sigwart aber ist das Para-digma und der SättigungSpunct einer Sentimentalität, an der sich auf eine uns jetztunbegreifliche Weise die einstige Lescwelt erlabte. (S. Vilmar, Gcsch. d. d. Nat.-Lit.)

Damals war die Sentimentalität, die jetzt nur noch sporadisch und selten auf-triit, epidemisch. Sic war eine Hcrzaffcction deutscher Jünglinge und Frauen, ent-sprungen, daß ich so sage, aus Blutfülle und Bewcgnngömangcl in den Jahren zwischendem siebenjährigen Krieg und den französischen Kriegen; offenbar war zugleich einStreben darin nach poetischer Erholung von der bleiernen Langeweile des Philistcr-thums in einem verrotteten Gemeinwesen, unter dem Schnee des Puders ein frühlings-artiges Sichrcgcn. Nicht umsonst haben diese thränenberciten Gcmüther hernach denwirklichen Schmerz und leibhaftige Drangsal der napoleonischen Erobcrungszügc er-fahren müßen und die Kraftanspannung der Freiheitskriege erleben dürfen.

Sentimental mögen wohl zuweilen solche Geinüthcr gestimmt sein, denen dieGelegenheit zu wirken fehlt oder die sich in ihrem Schaffen gehemmt fühlen. Esentsteht das Gefühl des Zorns, der als aggressiver Schmerz auf Zerstörung deö Be-stehenden sinnt (bissige Weltschmcrzliteratur, dem Ausbruch der Bewegungen des Jahres1848 vorangehend), oder eine unnatürliche Sehnsucht nach der Natur, als dem durchdie Cultur verlorenen Paradiese des Menschen, wobei aber in Wahrheit nicht dieNatur gefunden wird, sondern eine erträumte Welt sich erzeugt mit eingebildetenSchmerzen und selbstgemachtem Weh und der Sinn für das Wirkliche im Erkennenund Handeln verwirrt und trüb wird.

So weich daher ein solches Gemüth an sich ist, so herb kann cs in der Beurthci-lung der Verhältnisse des Lebens werden. Sentimentale Menschen pflegen reizbar zusein, vornehmlich dem Verständigen und Nüchternen gegenüber, das sic scheuen wiekranke Kinder die bittere Arznei; auch scheuen sic die Arbeit und das Lernen, weildie Willenskraft unentwickelt oder verkümmert ist, und weil das Spiel der Empfin-dungen, das sie üben, ihnen den Schein erweckt, als füllten sie Zeit und Leben anö.

Kinder sind nicht empfindsam, wenigstens nicht aus sich selbst, höchstens durchNachahmung. Aber auf dem Uebergang aus der Kindheit in das Jugendalter, beisich entwickelnder Pubertät, erwacht gerne das Sentimentale und hier erklärt sich auchsein Auftreten. Unbestimmtes Ahnen, unbefriedigtes Sehnen ist seine natürliche Grund-lage, und eben damit ist angezeigt, was von Seiten der Erziehung zu geschehen hat,