Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
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Ehrlichkeit.

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Ehrlichkeit ist die gemüthliche Rechtschaffenheit im Reden und Thun und manwird sie von Ehrenhaftigkeit und Ehrenfestigkeit dadurch unterscheiden, daß letzterezwar im Wesen Rechtschaffenheit gleich, den Nebenbegriff sittlicher Tapferkeitoder eines sittlichen Pathos mit sich führen, während jene den des Naiven an sichhat, und daß die Ehrlichkeit jedermanns Pflicht und gleichsam eine allgemeine Haus-und Werktagstugend ist, während die beiden andern, gleichsam von festlicher Art, beibesondern Gelegenheiten, Kämpfen, Versuchungen sich erproben. So handelt z. B.der Kaufmann, der bei ausbrechendem Bankerott nichts auf die Seite schafft und alldas Seine hergiebt, um die Gläubiger möglichst zu befriedigen, ehrlich, seine Frauaber, wenn sic unter Verzicht auf die ihr gesetzlich zustehende weibliche Freiheit auchnoch ihr eigenes Vermögen dazu giebt, ehrenhaft; desgleichen handelt in Zeiten poli-tischer Kämpfe derjenige ehrlich, der aus Mistrauen in seine Standhaftigkeit sich ent-fernt hält, derjenige aber ehrenfest, welcher, einmal darein gestellt, standhaft und ohneRücksicht auf eigenen Vortheil oder Nachtheil zu seiner Pflicht hält. Ehrlichkeitkann man von jedermann verlangen, sie ist Voraussetzung bei den täglichen und all-gemeinsten Beziehungen der Menschen zu einander; daß aber die Ehrlichkeit alltäglichmit Accent auftrete, das kann man weder verlangen noch wünschen, sondern sie sollals ein Habitus und selbstverständlich den gesellschaftlichen Beziehungen innewohnen,daher sie oben als gemüthliche Rechtschaffenheit bezeichnet wurde; denn die sittlicheLuft, in der wir gesunden Athem schöpfen, hat zu Grundbestandtheilen neben derLiebe Treu und Glauben.

Sehen wir, was die Erziehung hiefür thun kann und soll. Sie muß erstlichfür Wahrhaftigkeit des Zöglings, für seine Rechtschaffenheit im Reden sorgen.Das vornehmste Mittel dazu ist die Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit des Er-ziehers selbst, damit die Kinder in lauterer Luft aufwachsen, und die natürlicheNeigung des menschlichen Herzens zur Unwahrheit keinen Vorschub durch diejenigenfindet, an welchen das Kind hinaufsieht, nach welchen es sich unbewußt bildet. Lügenwehren, Lügen strafen und selber lügen, heißt doppelte Anleitung zur Lüge geben, dieeine durch Beispiel, die andere durch gerechtfertigten Widerstand. Schon aus Selbst-achtung hat man sich zu hüten, vor den Kindern mit ihrem feinen Wahrheitssinnesich keine Blöße zu geben, nicht einmal in conventionellen Redensarten, damit nichtdie Unredlichkeit als giftiger Fruchtkeim sich ins Herz des Zöglings senke. Mansoll aber auch nicht zum Lügen reizen; welches geschieht durch übermäßige Strengeund tyrannische Bestrafung der Fehler. Ungezähmte Leidenschaftlichkeit oder barschesWesen des Vaters auch bei geringen Verfehlungen hat Verheimlichen und Vertuschenzur Folge letzteres vielleicht auch von Seiten einer thörichlen Mutter, nur damitdas Kind nicht gezüchtigt werde. Auch das pedantische Wesen, welches vom Knabenschon männliche Haltung und Ausdrucksweise, oder die religiöse Verkehrtheit, welchevon dem Kinde schon die frommen Reden und Herzensergüsse eines Erwachsenen ver-langt, reizt zur Lüge: auf solchem Boden wachsen die Tuckmäuser. Dies hinsicht-lich der eingcimpften oder aufgenöthigten Lügen, die der Erzieher verschuldet. Lügenaus Muthwillcn sind zu züchtigen, die aus Bosheit strenge zu strafen, gegen gewohn-heitsmäßiges Lügen bedarf es eines beharrlichen und energischen Heilverfahrens undsoll hier nichts übersehen noch geschenkt werden. Man beobachtet aber auch bisweilen,namentlich bei lebhaften Knaben, eine Art von Unwahrheit, die aus der Phantasiestammt, ein sozusagen poetisches Lügen. Wer sieht in die Entwicklung und Ausein-anderwicklung der im kindlichen Geist austauchenden Bilder und Gedanken hinein?Nicht jede Unwahrheit ist hier als Lüge zu behandeln, aber dem lebhaften Kind istdesto gewißcr Beschäftigung mit Reellem zu geben, und es ist zu sorgen, daß es einenUnterschied mache zwischen dem Spiel mit Puppen, die der freien Herrschaft seinerPhantasie überantwortet sind, und zwischen dem, was es mit Menschen redet. Amhäufigsten irren Jüngere von der Wahrheit ab, wenn sie Hergänge erzählen sollen,wobei sie selbst leidenschaftlich betheiligt waren, z. B. Händel mit Kameraden, odereine Züchtigung vom Lehrer; hier pflegt jeder sich selbst unschuldig zu wissen, nichtnothwendig aus Bosheit, sondern meist ans gestörter Auffassung ebendeswegen istes hier Aufgabe des Erziehers, die falsche Auffassung soweit möglich zu berichtigenund den zückckigendcn Lehrer zu vertheidigen.