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Ehrgefühl.
selbst beweist. Er kann ihm irgend einen ehrenden Auftrag geben; er kann ihm ineiner Untersuchung aufs Wort glauben; er kann ihm sagen, was Paulus demPhilemon sagt: „ich weiß, du thust mehr als ich dir sage," — alles derartige wirdden Zögling innerlich heben, wird es ihm desto unmöglicher machen, solches Vertrauen izu täuschen. Manchmal gelangt unter den Schülern selbst einer zu einem gewißenAnsehen; oft ist es der körperlich Stärkste, oder der im Spiel Gewandteste, oft aberauch der intellectuell am weitesten Vorgeschrittene. Der Lehrer kann ihm solche Ehrelassen, wofern auch die sittliche Qualität derselben würdig ist; ist aber diese Hege-monie eine bedenkliche oder entschieden nachtheilige, dann ist es nöthig, dem Volks-tribun zu zeigen, daß man seine Auctorität mit Nichten anerkennt. — AehnlicherWeise gewinnt auch unter Geschwistern öfters eines eine gewiße Auctorität; ist diese 8Superiorität eine wohlbegründete, so thut man wohl, sie gewähren zu lassen, abernicht zu steigern; den Eltern gegenüber soll kein Kind das bevorzugte sein.
Ein Lehrer hat es zuweilen auch mit Individuen zu thun, die in Bezug aufalles, was Ehre heißt, in die Elaste der Dickhäuter gehören. Solch einem Menschenist es total gleichgültig, welche Zeugnisse über ihn ausgestellt werden. Das kanndie Folge allgemeiner sittlicher Stumpfheit sein, die überhaupt jeder geistigen Ein-wirkung Trotz bietet; ein Mensch solcher Art kann nur noch durch die zwingende I
Gewalt der Zucht zu demjenigen genöthigt werden, was nothdürstig seine menschliche I
Existenz bedingt. Oft aber wird der Zögling (wie es manche Erwachsene sind) !l
durch eine gewiße Bequemlichkeit oder auch durch hohe Einbildung ganz gleichgültig «i
gegen der Menschen Urtheil; ob sie gut oder schlimm von ihm denken, darüber be- «
sinnt er sich keinen Augenblick, er lebt sich und seinen Gedanken, denkt vielleicht gar «
nicht daran, daß andre sein Benehmen gewahr werden, oder ist zu stolz, um sich V
darum zu kümmern, welchen Eindruck sie von ihm bekommen. Ein solcher ist immer D
wieder gerade an das zu mahnen, an was er selber nie denkt, nämlich wie verkehrt, v
lieblos und thöricht jene Gleichgültigkeit gegen fremdes Urtheil sei, und wie einmal >
das Leben es nothwendig mache, sich um der Menschen Urtheil zu kümmern und, >
wo es sein muß, sich darnach im Handeln zu richten. „Ich dulde nicht, daß mein »
Kind sich und mich in solch schlechten Ruf bringt; du mußt schlechterdings dein Be- v
nehmen ändern." Daß dies „schlechterdings" immer nur ein relatives ist, wissen wir 8
sehr wohl; aber nur wenn der Erzieher alles versucht hat, Zwang wie Vorstellung, >!
Zucht wie Ermahnung, und dies unausgesetzt in Anwendung bringt, nur dann hat v
er das Seine gcthan und ist für den Erfolg nicht weiter verantwortlich. »
Der eigene Erwerb an Ehre wird endlich gefördert und gewahrt durch daS »
Ehren anderer, in dem Sinn, daß, je mehr ich selber bereit bin, das Edle und >
Tüchtige in andern zu ehren, umsomehr diese Tüchtigkeit derer, die ich darob ehre, I
auf mich selbst zurückwirkcn und der lebhafte Wunsch in mir erwachen wird, durch I
eifriges Wuchern mit den mir verliehenen Gaben auch in meinem Theile eine ehren- I
werthe Persönlichkeit zu werden, ein Mann, dessen Leben nicht werthlos ist. Man I
spreche deshalb auch in Haus und Schule von allen den Menscben, die auf Ehre >
Anspruch haben, in ehrerbietigem Tone, stelle sowohl die großen Männer des Vater-lands und der Geschichte, als auch die nahestehenden würdigen Personen nie andersdem Kinde vor Augen, denn als Gegenstände der Verehrung. Dadurch senkt sich dieIdee des persönlichen Werthes, lange bevor über dieselbe reflectirt wird, in das jungeHerz ein, und ebenso unbewußt geht die Application dieser Idee auf das eigene Ichmit seinem Leben und Streben vor sich.
Gewöhnlich wird in das Capitel von der Ehre und dem Ehrtrieb auch die Frageüber Prämien und andere Auszeichnungen sowie über das Lociren ausgenommen; überbeide werden jedoch eigene Artikel folgen. So, wie das Prämienwesen im allgemeinen ist,ist es unsrer Ueberzeugung nach vom Uebel, und wenn das nicht, so ist es eine pureGeldverschwendung; die Methode vollends, wornach bei den Jesuiten und den Philan-thropisten, bei den Franzosen und bei den Engländern ein förmliches System von Ehren-auszeichnungen bestand, resp. noch besteht, wäre geradezu lächerlich, wenn sie nicht beiden einen so „verwünscht gescheidt" wäre, bei den andern wenigstens dem National-charakter entspräche. Mit dem strengen Urtheil, das Roth über diese Dinge als eineCorruption des jugendlichen Herzens fällt, sind wir vollkommen einverstanden.