Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
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Ehrgefühl.

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schäme dich dieser Unart, schäme dich dieser unverständigen Antwort, dieser eigen-nützigen Handlung, dieses unpassenden Umgangs, dieser Gewaltthätigkcit gegen einenSchwachem u. s. f.: so liegt darin bereits ein positiver Kern, denn da sich der Zög-ling erniedrigen kann, so muß er also an sich hoher stehen, er muß einen Werthhaben, den er momentan verleugnet hat. Dieser Werth liegt nicht nur darin, daßdas Kind ein Mensch, daß cs seiner Eltern Kind, daß cS so und so alt ist, sonderndarin, daß es geschaffen ist zum Bilde Gottes. Soll sich der Schüler einer Arbeit, dieer schlecht gemacht, schämen, so ist damit imxlleitö gesagt, daß er sie besser machenkonnte, also wieder etwas darin ausgesprochen, was auf ihn als Ehre wirkt, d. h.die Anerkennung seiner Gaben und Kenntnisse. Indessen wäre cs einseitig, das Ehr-gefühl in dieser Art bloß auf Leistungen hinzulenkcn; da gerade kann am leichtestendas Lob zum Zweck gemacht, der Ehrtrieb zum Ehrgeiz werde». Sondern nochsorgfältiger muß im alltäglichen Leben, im Verkehre mit Menschen aller Art, imReden nnd Handeln das Gefühl verfeinert werden, um von allem Unnobeln, Ge-meinen mögen es andre thun, oder sei man selbst in Gefahr cs zu thun, oderstelle man es auch nur als möglich sich vor zurückgestoßen zu werden. Man be-zeichne nur dem Zögling vom zartesten Alter an in eonoroto das Unehrenhafte stetsals solches; gräbt sich der Abscheu gegen alle einzelnen malhonetten Tinge in dasBewußtsein, in das Gefühl des Kindes ein, so ist eben damit für das Halten aufEhre am besten vorgesorgt. Zu den negativen Regeln gehört ferner, daß der Er-zieher nicht durch Schimpfreden, durch Unnamcn, die er den Kindern giebt, das Ehr-gefühl in diesen zuerst verletze, allmählich aber tödte (vgl. d. Art. Beschimpfung); so-wie er auch unter den Kindern selber keinen Ton darf herrschend werden lassen, durchden beide, der Scheltende wie der Gescholtene, gleichmäßig gemein werden.

Indessen ist mit dem Bisherigen die positive Pflege des Ehrgefühls ebensowenigausgeschlossen, als damit gesagt sein will, daß man, wo sich dasselbe bereits ent-wickelt, nur dämpfen müße, um seine Ausartung in Ehrgeiz zu verhindern. Hat derZögling sich in irgend etwas, scis eine gefertigte Arbeit, seis eine löbliche Hand-lung, wacker gehalten, so wäre es eine ganz verkehrte Maßregel, sich zu stellen, alsbeachtete man es nicht, als wäre es gar nichts von Bedeutung, oder an allem nurimmer die schwache Seite hervorzukehren. Das macht nicht demüthig, sondern muthlos.Anerkennung, wie sie die Wahrheit fordert und die Liebe so gern ausspricht, darf derErzieher keineswegs versagen; ist durch Versagung derselben, oder gar durch positiveHerabsetzung, oder durch eine unverdiente Beschämung (s. d. Art.) dem Kinde dasVertrauen genommen, daß cs etwas ordentliches jemals zu Stande bringen könneoder daß man, was eS leiste, jemals gelten lassen werde: dann ist freilich dem Ehr-geiz gesteuert, aber auch das Ehrgefühl selber erstickt. Richtiges sagt iu dieser Be-ziehung eine Schriftüber Knabcnerziehung," von Oppel:Eine Arbeit unbeachtetbei Seite legen sollst du nicht; du thust dem Kinde allzu wehe, wenn du keine Notiznimmst von etwas, waS es mit Mühe und Anstrengung zu Stande gebracht hat.Man muß einem Kinde, um es von einem Fehler zu heilen, keinen Stich ins Herzgeben." Nur werde das Lob nie abgesehen von einer einzelnen That oder Leistung,nie als Gcsammturtheil über den Zögling ausgesprcchen, denn der Charakter, dersittliche Werth des jungen Menschen ist ja noch gar nicht ein fertiger. Ob aber dasLob von dem Zögling richtig verstanden wird und darum auch in der entsprechendenWeise wirkt, das zeigt sich vornehmlich darin, ob ihm daran liegt, wer ihm das-selbe ertheilt, oder ob ihm die persönliche Würdigkeit des Bcurthcilendcn gleichgültigist, weil er jedem, der ihn lobt, um den Hals fallen möchte. Als der sechsjährigeMozart in Wien vor Franz I. spielen sollte, verlangte er, der Kapellmeister Wagcnseilsolle kommen, denn der verstehe es. Ter dreißigjährige Mozart hat noch dasselbeseine Ehrgefühl bewiesen, da er sich nie verleiten ließ, um der Ehre bei der Mengewillen seinem Genius untreu zu werden. Man hat auch nicht unrichtig bemerkt,.daß solche Personen, die nur von Zeit zu Zeit in Haus oder Schule kommen inletzterer wäre cs der Visitator mit ihrem Urthcil mehr wirken, als die beständigeUmgebung des Kindes.

Noch mehr Werth aber für die Erziehung des Ehrgefühls, als das richtig er-thcilte Lob, hat das Vertrauen, das der Erzieher dem Zögling im Lebcnsverkchr