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1 (1877) A - Liebe
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Ehrgefühl.

wenn nicht jene Zugabe ihm sicher wäre. Als Menschen, die nach Gottes Bild ge-schaffen sind, ist die uns widerfahrende Ehre ein tröstliches Zeichen, daß wir einenwenn auch bescheidenen, doch erkennbaren Werth haben; gerade denen, die in sichselber mehr Mistrauen als Vertrauen setzen, dient ein ehrendes Wort zur Aufrich-tung und Ermuthigung, bringt ihre Thatkraft wieder in Fluß und ist so ein wohl-thätiges Gegengewicht gegen die Verzagtheit eines ängstlichen Gemüths.

II. Gehen wir von der allgemeinen, ethischen Betrachtung zur speciell päda-gogischen über, so kann es nach Obigem nicht zweifelhaft sein, daß der Erzieher diekünftige Ehre seines Zöglings im Auge haben soll; aber es fragt sich zugleich, inwie-weit jetzt schon, so lange der junge Mensch noch im Stande der Erziehung sich be-findet, die Ehre als Motiv seinen Willen bestimmen und von dem Erzieher selberals Hebel gebraucht werden dürfe, um den allgemeinen Erziehungszweck oder be-sondere Zwecke (z. B. ein bestimmtes Lernziel) mittelst desselben um so eher zuerreichen.

Sehen wir einmal zu, was in dieser Beziehung im Kinde selber sich regt. Ehrekann es für dasselbe von Anfang, d. h. im zarteren Alter noch gar nicht geben, dadie Bedingung dazu, die persönliche Tüchtigkeit noch gar nicht vorhanden ist; aberdagegen gibt es etwas anderes, was das Kind schon sehr früh und sehr stark em-pfindet: das ist die Schande. Die Furcht vor dieser ist die erste wir dürfenwohl sagen: auch die reinste Gestalt, in welcher das Verlangen nach Ehre im Kindes-leben zur Erscheinung kommt. Der Ehrtrieb tritt im Kinde noch gar nicht als Trieb,als ein naturnothwendiges Begehren nach Ehre und Auszeichnung auf, sondern istnur erst in der milderen, passiven Form des Ehrgefühls das, eben als bloßesGefühl im Unterschiede von Trieb, die Ehre nicht sucht, aber, wenn sie kommt, sieempfindet und auch in dieser Form vielmehr negativ als positiv wirksam. Unddieses negative und passive Verhalten muß in der That auch für die späteren Jahre,ja fürs ganze sittliche Leben als Hauptsache angesehen werden; darnach wird alsoauch der Erzieher seine Maßregeln zu nehmen haben. Denn auch der Mann, woferner ein Christ ist, wird dem Ehrtrieb nur in so weit folgen und sich von demselbenbestimmen lassen, daß er nicht zurückbleibt hinter sich selbst; sobald aber einmal jenernegative Charakter dem positiven Begehren nach Ehre Platz macht, dann tritt dieGefahr ein, daß die im Ehrgefühl sich noch bescheiden kundgcbende Ehrliebe oder derin dieser zum Bewußtsein kommende Ehrtrieb ausartet in Ehrgeiz, und, wenn diesernoch krankhaft sich steigert, in Ehrsucht. Diese letzteren sind so wenig bloße Steige-rungen des Ehrgefühls, daß gerade je mehr Ehrgeiz da ist, um so schwächer das Ehr-gefühl wird. Denn nicht nur hascht der Ehrgeizige so leidenschaftlich nach seinemPhantom, daß er gar nicht mehr gewahr wird, wie sehr er sich durch seine Begehrlichkeitlächerlich macht; sondern er scheut zu seinem Zwecke sogar entschieden ehrlose Mittelnicht, wie z. B. der ehrgeizige Schüler sich nicht im geringsten schämt, den Lehrerzu hintergehen, während das wirkliche Ehrgefühl lieber sich eine Demüthigung ge-fallen läßt, als daß es solche Mittel gutheißen würde. Daß aber der Ehrgeizauch schon an sich durchaus unsittlich ist, erhellt daraus, daß er das von der PflichtGebotene entweder unterläßt und Übertritt, nur um Ehre zu erlangen, oder es thut,aber aus demselben Grund, also den Genuß eines Gutes, das nur wie ein göttlicherLiegen aus wirklicher Sittlichkeit erblühen soll, zum Zweck, das sittliche Handeln aberzum Mittel macht. Man hat zwar schon gesagt, daß die großartigsten Facta derWeltgeschichte dem Ehrgeiz, überhaupt den Leidenschaften der Menschen ihren Ursprungverdanken. Demnach müßte man, um die Weltgeschichte bei Athem zu erhalten, denEhrgeiz eher nähren als dämpfen. Aber abgesehen davon, daß die größten weltge-schichtlichen Thatsachen, das Christenthum und die Reformation, nicht das Werk derLeidenschaft sind, hat es die Erziehung (s. d. Art. Erziehung) nicht mit der Welt-geschichte, sondern mit dem einzelnen Menschen zu thun, und diesen zur Leidenschafterziehen, damit er ein welthistorischer Mann werde, wäre eine Pädagogik, die denZögling einem Moloch opferte, ohne irgend eine Bürgschaft, daß dafür sein Nameauf den Blättern der Weltgeschichte zu lesen sein werde.'

Aus dem Gesagten ergicbt sich nun, daß die pädagogische Behandlung ebenfallseine mehr negative als positive wird sein müßen. Wenn ich dem Knaben sage: