Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Deutsche Sprache.

Es ergeben sich hier die einfachen Verrichtungen und Zweige des Sprachunter-richts auf allen Lehrstufen. Das Kind soll der hochdeutschen Spracheso mächtig werden, daß es dieselbe 1) vernimmt, d. i. auffaßt undversteht, was andere in derselben reden, unddaßesauchselbst2)lcrnt,seine Gedanken in derselben richtig und verständlich auszudrücken.Es soll ferner lernen 3) die von andern in Schrift und Druck inhochdeutscher Sprache niedergelegten Gedanken (still lesend) richtigaufzufassen und (laut lesend) verständnismäßig vorzutragen und endlich4 ) seine eigenen oder fremde Gedanken in einer fehlerfreien und ge-wandten Form hochdeutsch in Schrift zu verfassen und aufzusetzen.

Bemerkt sei nur ausdrücklich, daß in diesem Schema die Grammatik fehlt.Sie hat in der That unter den einfachen Vorgängen der sprachlichen Thätigkeit keinenberechtigten Platz. Und wenn auch das alte lateinische Sprüchwort der Trivialschulensagt, die Grammatik sei ein sehr grausames reißendes Thier, und räche es aufsschwerste, wenn sie jemand beleidige und vernachläßige, sie wird sich nichts destoweniger begnügen müßen, neben Nr. 4 des Schemas („Schreiben") eine zwar höchstbedeutungsvolle und unersetzliche Stelle, aber im Verhältnis zu den Hauptsachen dochnur ein bescheidenes Plätzchen einzunehmen.

Maß und Ziel nun, in welchem und bis zu welchem die einzelnen Haupt-thätigkeiten des Schemas in den verschiedenen Schulen und auf den verschiedenenStufen betrieben werden müßen, Ausdehnung und Grenzen der verschiedenen Zweigedes Sprachunterrichts, das alles hängt von der Organisation und den Lebens-bedingungen der einzelnen Schule, von den häuslichen und örtlichen Verhältnissender sie besuchenden Kinder, es hängt weiter von der ganzen geschichtlichen Entwicklungdes Volkes und seiner Sprache ab. Ja es muß deutlich gesagt werden, ob über-haupt in einem Volke sei es für einzelne oder sei es gar für alleGlieder des Volkes Unterricht in der Sprache des Volkes ertheiltwerden muß, das ist eine Frage, deren Beantwortung nur auf Grundeiner eingehenden Erwägung der ganzen Entwicklungsstufe desVolkes, seiner Bildung und seiner Sprache gegeben werden kann.Nur die Zahl und das Verhältnis der Zweige des Sprachunterrichts,nicht aber seine Nothwendigkeit überhaupt und nicht dieBe st immungüber seine Lehrziele kann auf dem theoretischen Wege einer aprio-ristisch gearteten Deduction hergeleitet werden.

Tenn was zuerst das Verstehen und Reden der mündlichen Sprache betrifft, soleuchtet ja wohl von selbst ein, daß dieses erst da Gegenstand eines schulmäßigenUnterrichts wird, wo die Schriftsprache von der Volkssprache abweicht, und daß jeneBerücksichtigung im Unterrichte um so mehr nothwendig wird, je mehr diese Ab-weichung hervortritt. Das Verstehen und Reden der mündlichen Sprache ist imSchulwesen überhaupt sehr spät erst als ein Gegenstand besonderer unterrichtlicherSorge in das Bewußtsein der Lehrenden getreten; es hat vorwiegend nur als einMittel zum Zweck für den gesammten Unterricht gedient und gegolten, der ja ebenin allen Fächern der Sprache nicht entrathen kann und dadurch, er mag wollen odernicht, auf die Bildung (oder Verwahrlosung) der mündlichen Rede hinwirkt. DasLesen und Schreiben hingegen sind je und je die Mittelpuncte, um die sich die Tätig-keiten des Sprachunterrichts gedreht haben und noch drehen.

Aber in Bezug auf das Lesen und Schreiben ist es nothwendig, sich des Ein-flusses einiger geläufiger Tagesmeinungen und Schlagwörter vorerst einmal zu er-wehren, wenn man die Sache klar und objectiv ansehen will. Unsere Zeit ist schreib-seliger und schreiblustiger, als irgend eine zuvor, und unsere gebildeten Stände nährenihr geistiges Leben vielfach fast ausschließlich mit bedrucktem Papier. Und durch dieLeute von der Feder, namentlich durch die, welche der mittleren und niederen Tages-presse dienen, ist es fast dahin gekommen, daß den ehrenwerthen Zcitungsleser eineArt von Schauder überläust, wenn er auf Grund der Erhebungen unserer Militär-behörden unter den Rekruten vernimmt, daß es sogar im aufgeklärten deutschen Reichenoch so viele „Analphabeten" giebt, daß in manchen Gegenden noch so viele