Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
269
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Deutsche Sprache.

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Procente selbst unter den jungen kräftigen Männern nicht lesen und schreiben können,und wenn er dann bedenkt, daß hinter diesen doch offenbar noch eine ungleich größereZahl von körperlich Untüchtigen und namentlich auch von Frauen und Mädchen steht,die dieser elementaren Fertigkeiten untheilhaftig sind. Bei der Beurtheilung dieserThatsachen gewinnt es dann nicht selten den Anschein, als gehörte es nicht nur zuden verfassungsmäßig verbürgten Grundrechten der Deutschen, sondern sogar zu denganz unveräußerlichen Menschenrechten, daß der Staat jedem Individuum durch seineSchulen diese elementaren Fertigkeiten aneigne. Solch unhistorischen Reflexionengegenüber ist es sehr heilsam und zweckdienlich, den geschichtlichen Entwicklungsgangder Sache nicht aus den Augen zu verlieren. Heutzutage kann allerdings kein wohl-meinender und richtig denkender Mann die elementaren Fertigkeiten des Lesens undSchreibens dem deutschen Volke für entbehrlich erachten, er müßte denn ganz be-sondere dunkle Parteizwecke verfolgen. Und man möchte billig zweifeln, ob überhaupteine Partei, abgesehen von ihren blinden Verfechtern, es in ihrem richtig verstandenenInteresse liegend halten könnte, der allgemeinen-Verbreitung des Lesens und Schreibensdurch die Schulen Hindernisse zu bereiten. Aber es ist doch gut, zu bedenken, wieungezählte Geschlechter der Menschen nicht bloß vor dem großen Thaaut, dem sagen-haften Erfinder der Schrift, sondern wie ungezählte Millionen vernünftiger Wesenauch noch nach dieser Zeit über die Erde und in das Grab gegangen sind, ohne desLesens und Schreibens, oder ohne doch des letzteren kundig zu sein. Und an wasfür Menschenthaten und Menschenwerken haben sie trotzdem, und keinesweges bloßals Nullen, Antheil gehabt! Von den Erzvätern Israels, von seinen Volksführernund Richtern, von den Herrschern der vorderasiatischen Weltreiche, wie wenige sindes, die wenigstens nachweislich so viel Kenntnis des Lesens und Schreibens besaßen,wie bei uns ein armes Schulkind im entlegensten Dörfchen. Wie viele, denen fremdeHände in dieser Hinsicht die nöthigen Dienste leisten mußten. Wir, denen dieseDinge so ganz geläufig und selbstverständlich geworden sind, müßen uns besondersbedenken, was es eigentlich heißen will, daß ein Herrscher wie Karl der Große wohllesen konnte, aber des Schreibens nicht kundig war, und daß ihm, als er es in reifenJahren noch zu lernen anfieng, die allzuspät begonnene Arbeit nach Einharts Zeugnissenur noch wenig gelang; oder daß wir in Walther von der Vogelweide einen unserergrößten Dichter und Schriftsteller haben, der der Schrift, ja der des Lesens unkundigwar. Wir müßen uns besinnen, seit wann und durch wen denn eigentlichLesen und Schreiben in Deutschland so allgemein geworden sind. Essind noch lange nicht 180 Jahre, und die Urheber waren die Aufklärungund der Absolutismus. Diese haben seit dem zweiten Viertel des 18. Jahr-hunderts angefangen, den Schulbesuch und damit das Lesenlernen allgemeiner zumachen, welchem letzteren, viel später erst verallgemeinert, das Schreibenlernen gefolgtist. Denn so oft man cs auch wohlwollend voraussetzt, und so sehr auch thatsächlichLuthers Katechismus als Fibel, seine Bibelübersetzung als Lesebuch die triebkräftigenKeime unseres -niederen Schulwesens sind, wie ferne ist doch Luther von dem Ge-danken einer allgemeinen Volksschule mit obligatorischem Lesenlernen, da er selbst fürdie nicht Latein lernende Stadtjugend kaum den Versuch einer täglich zweistündigenBeschulung anzurathen unternimmt. Kaum daß man hundert Jahre später an dasWagnis einer allgemeinen Schulpflicht denkt. Und erst weitere hundert Jahre späterist es die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, aber auch nur die deutsche, nicht dieenglische oder französische, die den Gedanken einer allgemeinen Volksbildung mit Lesenund Schreiben faßt; und der Absolutismus ist es, der ihr seinen gewaltigen Armleiht, um den neuen Gedanken gegen unsägliche Schwierigkeiten mit Zähigkeit durch-zuzwingen. Es ist unter den Ersten König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der Mann,der in so vielen Stücken die Kraft des kleinen und an Hülfsmitteln so armen Staatesangesammclt hat, mit der später für Deutschland so Großes konnte geleistet werden,der Mann, von dessen eiserner Willenskraft so viele der Einrichtungen des hohen-zollerschen Staates, und nicht die schlechtesten, noch heute ihr Gepräge tragen.

Und wir sind eben auch heute noch lange nicht am Ziele. Die Procente derlesensunkundigen Rekruten, in den besseren Gegenden wenige, in den ärmeren unddünn bevölkerten Stricken mehrere, sind die Maßstäbe, wie weit das Ziel erreicht ist,