Deutsche Sprache.
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(— auf) auf beide Fragen (wo? und wohin?) mit demselben Casus, ganz sicher inder altererbten Fügung; nur im Hochdeutschen schwankt es zwischen dem Dativ unddem Accusativ, und der Unkundige lacht laut über das verwechselte „mir" und „mich",das selbst Seminaristen und Lehrern zustößt. Er weiß aber nur nicht, daß die nieder-deutschen Mundarten für beide Fälle nur eine Form haben, indem sie dieselben garnicht unterscheiden. So schwer ist es, durch reflcctirten Unterricht einen Unterschiedfühlen und beachten zu lehren, den die mütterliche Mundart nicht kennt und be-zeichnet. Was sollten wir erst für Noth haben, müßten wir in der That den Kin-dern das Reden in der Schule erst beibringen, das, Gott sei es gedankt, imHause von der Mutter doch nicht eigentlich gelehrt und gelernt, sondern auf demWege der Natur in jedem Kinde wie neu geschaffen und erzeugt wird. In Taub-stummenanstalten kann man sich eine ferne Ahnung von jener Mühsal holen; undberuhte gar, wie es eine Zeit lang scheinen wollte, alle Sprachbildung auf dergrammatischen Einsicht, so hätte wohl noch niemals ein Schulkind reden gelernt. Soaber gestaltet sich der erste und einfachste Sprachunterricht im Grunde lediglich alsein Hinüberleiten des Kindes von der Mundart, die es kann, zum Hochdeutschen, dases lernen soll. Nur ein Doppeltes kann man hierin noch unterscheiden: es wirdeinerseits der gesammte der Mundart ungehörige Wortvorrath des Kindes einer all-mählichen Durchsicht und einer Umformung in die Formen der hochdeutschen Schrift-sprache unterzogen, und es wird andererseits die bereits vorhandene Fertigkeit im Bildenund Bauen des Satzes, im Biegen und Abwandeln der Wörter u. s. w. auf dasHochdeutsche übertragen und durch fortgehende Uebung gesteigert. Nur in Bezug aufdas Elftere sei noch verdeutlichend folgendes bemerkt: Das Kind bringt sein: „darBarg", „dar Woan", „zengstrüm" mit zur Schule; hier aber heißt es: „Mein Kind,das ist nicht richtig; es heißt richtig: der Berg, der Wagen, ringsum." Streng-genommen ist dieses Urtheil selbst nicht richtig, denn jene Wörter sind im schlesischenDialekt wirklich richtig; es ist vielmehr nur eine erlaubte Abbreviatur und sollteheißen: hier in der Schule heißt es so und so, denn hier reden wir die hochdeutscheSchriftsprache. Daß hierneben zahlreiche Ausdrücke der Mundart, die nicht für edelund schriftdeutsch gelten, durch solche erseht werden, die der gebildeten Umgangsspracheeignen, das bedarf keiner besonderen Erwähnung. Das einzige zu dieser ganzen Ueber-führung und Umwandlung verwendbare Lehrmittel ist offenbar des Lehrers eigenehochdeutsche Rede, der die gleiche Rede der älteren Schulkinder selbstverständlich zuHülfe kommt. — Aber die hochdeutsche Schriftsprache müßte eben nicht Schriftsprachesein, d. h. mehr geschriebene als gesprochene Sprache, sollten wir uns nicht möglichstbald nach Schrift und Druck als nach den besten Hülfsmitteln sie zu lehren Um-sehen; denn eben in Schrift und Druck fließt und quillt sie ja ganz eigentlich;Schrift und Druck sind gegenüber den stetig eindringenden und stets unvertilgbarenSpuren der Mundart die einzigen Mittel ihrer Reinerhaltung. Darum treten nebendas mündliche Lehrwort die Lehrbücher der Volksschule als mindestens gleichbedeutende,wo nicht überwiegende Lehrmittel der Sprache; und zwar Bibel, Katechismus, Ge-sangbuch und jedes andere Schulbuch mindestens ebensogut, als das speciell fürden Dienst des Sprachunterrichts geschaffene Lesebuch. Dies ist ja auch der Haupt-grund, das Lesen und Schreiben, zumal das erstere, so früh als irgend möglich imSchulunterrichte auftreten zu lassen, so sehr auch mehr als einmal wohlgemeinteAenderungsvorschläge riethen, von der altgewohnten Praxis abgehend das erste Lesendem zweiten oder gar erst dem dritten Schuljahre aufzusparen.
Aber so sehr eine Ueberführung von der Mundart zum Hochdeutschen zum Wesendes Sprachunterrichts gehört, so wenig darf doch vergessen werden, daß Hochdeutschund Hochdeutsch auch sehr zweierlei ist, richtiger, daß der Begriff desHochdeutschen ein in sich unendlich mannigfach abgestufter ist. Dennwie im bürgerlichen Gemeinwesen über einander die Stände geschichtet sind, so lagernüber einander die verschiedensten gleichzeitigen Schichten sprachlicher Entwicklung. Zuunterst lagern, vielfach in sich selbst unterschieden, unendlich breit und tief die Volks-mundartcn. Darüber aber ordnen sich, wie nach der specifischen Schwere geschichtet,die verschiedenen Stilgattungen und Darstellungsweisen hochdeutschen Schriftthumsmit ihren immer abstracteren Redewendungen und mit ihrem immer verwickelteren