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1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Deutsche Sprache.

ständigen Sätzen zu reden, so ist dies entschieden ein Jrrthum oder vielmehr einMisverständnis. Dieses Ziel, welches geweckte Kinder aus besseren Ständen oft vor 'Antritt des dritten Lebensjahres erreichen, dürften doch, von schwachsinnigen Kindernund außerdem von seltenen Ausnahmen abgesehen, die vollsinnigen Kinder auch unterden ungünstigsten Verhältnissen vor Vollendung des sechsten Lebensjahres erreichen.

Daß diese Kinder dem Lehrer auf eine einfache hochdeutsche Frage keine schulmäßig I

richtig geformte hochdeutsche Antwort zu geben vermögen, das ist allerdings zuzu- ^

geben. Aber das hat auch mehr als hinreichende Gründe. Da ist zuerst die neue,ganz ungewohnte Umgebung der beengenden Schulstube mit den vielen unbekannten IZuhörern; da ist der unbekannte und vielleicht nicht einmal immer ganz freundliche ILehrer; da ist zu dem allem des letzteren fremder hochdeutscher Dialekt. Und wie oftreißt sich aus dem mit hochdeutschen Fragen lange genug geängsteten Gemüthe des kleinen t

Rekruten nach langem Zögern plötzlich eine Antwort los, in bester Dorfstraßen- -

mundart zwar, aber so fließend, so vollständig im Satzbau und so treffend, daß dieganze Schule lacht über den so gewohnten Ton, der hier am Orte doch so unge- ,.

wohnt und so ganz und gar nicht courfähig ist. Im übrigen aber verhält es sich !

mit dem Reden der Neulinge doch Wohl so, daß sie zunächst einerseits einen sehrgeringen Wortschatz haben. Während eine Auctorität auf dem Gebiete der ger-manistischen Sprachforschung den gesummten Bestand der deutschen Sprache auf !

70,000 Wörter schätzt, will ein sorgfältiger Beobachter den Vorrath von Wörtern, s

über welchen ein mäßig gewecktes Dorfkind verfügt, auf etwa 400 festgestellt haben.Hierin ist zweierlei beschlossen: das Kind hat nur einen geringen Schatz von Begriffs-wörtern, und noch viel geringer ist sein Bestand an Formwörtern. Mitund" undda", mitwo",wenn" undwie" bestreitet es seinen ganzen Bedarf an Binde-wörtern;der, die, das" ist sein einziges Demonstrativum, ist ihm Reflexivum undArtikel zugleich u. s. w. Viele der geläufigsten Formwörter der Schriftsprache,Wörter wiedieser",jener",derjenige",welcher" u. v. a. sind ihm ganz fremd undunerhört. Und die Zahl seiner Begriffswörter ist eben so gering, wie die Zahl derAnschauungen, die Wohnstube, Hof, Stall, Garten und Dorfstraße des einsamenOertchens boten; hundert Dinge seiner nächsten Umgebung hat es noch weder unter- »

schieden noch benannt. Und andererseits endlich trägt dieser ganze Sprachschatz durch 8

und durch nicht die Form der hochdeutschen Schriftsprache, sondern die der Orts- »

mundart; und dies nicht etwa bloß bei den Kindern entlegener Dörfer und niederer I

Stände, sondern eben so gut, nur in etwas minderem Maße, bei Stadtkindern aus a

mittlerem Stande; und selbst die Kinder der besten Stände, kaum vereinzelte aus- I

genommen, reden sei es eine verfeinerte Mundart, sei cs ein mundartlich gefärbtes I

Deutsch, und hätten sie es auch nur zum Entsetzen, ja zum täglichen Verdruß der ü

höchst gebildeten Mama (wie kann man hier eigentlich noch Muttersprache sagen, wo «

es nur eine Mama giebt!) von den ungebildetenDomestiquen", vom Diener, von Ider Köchin, vom Hausmädchen und vom Kutscher gelernt. Denn die Natur magman nach dem lateinischen Sprüchwort mit der Heugabel austreiben, sie kommtdennoch zu allen Fenstern und Thüren wieder herein selbst in die überfeinertsten Ver-hältnisse. Und Natur ist und bleibt nun einmal die Mundart, die hochdeutsche Schrift- !lspräche aber ist ein Ergebnis der Cultur.

Ebendarum aber ist es Aufgabe der Schule, die Kinder, welche vom !elterlichen Hause her die Mundart mitbringen, zur hochdeutschenSchriftsprache hinüberzuleiten. Hier ist ein Punct, wo sich die Anfängedes Sprachunterrichts von denen anderer Unterrichtsfächer gar wesentlich unterscheiden.

Die in die Schule eintretenden Kinder können noch nicht rechnen, auch die mitge-brachten Zahlvorstellungen pflegen vor dem Rechenlehrer, und mit Grund, wenigGnade zu finden. Wie von Grund aus, auf dem leeren Felde, auf der tabula rasabeginnt der Rechenunterricht seinen Bau, einen völligen Neubau. Nicht so im Sprach-unterricht. Unsere Neulinge können reden; in richtigen und vollkommenen, wenn auchin einfachen «Sätzen äußern sie ihre Warnehmungen, sie decliniren und conjugirenund zwar richtig, sie fügen und setzen richtig, ja sie sprechen sogar richtig aus, nämlichin der Mundart, und obgleich alle Schulmeister und Pedanten es wollten unrichtignennen. Ohne Unterschied verbindet das niederdeutsche Kind seinup" oderop"