Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Deutsche Sprache,

Periodcnbau. Zu unterst lagert dicht über den Mundarten und ihnen am nächstenverwandt die schriftdcutsche Darstcllungsweise des Märchens und der Sage, demnächstdie Schreibweise unserer besseren wirklich volksthümlichen Schriftsteller und Erzähler,demnächst etwa die unserer volksthümlichen Dichter, die mancher Reiscbeschreiber undGeschichtsschreiber, und so folgen denn es ist unmöglich, hier alles anzuführenund zu ordnen etwa unsere Romanschreiber und unsere gewöhnlichen Zeitungen,die letzteren leider vielfach gar zu stark mit fremdländischen Brocken durchsetzt, weiter,so sehr sich im einzelnen über die Reihenfolge streiten läßt, unsere großen Dichter,weiter die Schreibweise unserer Forscher auf den Gebieten der Natur und Geschichteund so fort bis zu den höchsten Sphären rein philosophischer Darstellung. Und jehöher man hineinsteigt in diese Sphären, desto mehr verliert sich unter den suchendenFüßen das feste concrete Korn compacter anschaulicher Vorstellungen, desto mehr be-herrscht und durchzieht die Sphäre der immer dünnere Acther hochgespannterAbstraktion. Und darum vermag in diese Sphären ein jeder nur nach dem Maßeseiner übrigen Gesammtbildung hinaufzusteigen. Nun aber reden wir trotz unseresvielen Redens von Bildung zwar von den Kindern gebildeter Stände, aber dochwenigstens bis jetzt noch nicht vongebildeten Kindern." Und daher werden wiruns bescheiden müßen, .so lange wir mit Kindern zu thun haben, es sei in niederenoder in höher organistrten Schulen, denselben nicht von den Erzeugnissen höhererSphären, sondern nur von der Sprachkost schlichter und volkstümlicher Fassung vor-zusetzen. Das klingt so einfach und selbstverständlich, aber ein aufrichtiger Blick inunsere Lese- und Schulbücher, wie eine Stunde aufmerksamen und vorurteilslosenHospitirens beim Collegen oder bei uns selbst, wird uns unfehlbar zu der Ueber-zeugung führen, daß gegen diese einfache und selbstverständliche Forderung ganz maßlosgefehlt worden ist und von uns allen täglich fort und fort gefehlt wird. Willaber jemand aufrichtig lernen, wie man mitKindern reden und wasfür Sprachstoff man ihnen bieten muß, der muß es kann dies nichtnachdrücklich und laut genug gesagt werden der muß zum gemeinen Manne,der muß zu der Volksmundart selbst erst in die Schule gehen. Dennnicht der Stil der entwickelten schriftdeutschen Rede mit ihren fein unterschiedenenBindewörtern und mit ihren kunstvoll verschränkten Satzgefügen, sondern ein derVolksmundart ähnlicher Stil, nur in hochdeutschen Wertformen, ist für Volk undKinder genießbar. So sollten wir reden in allem Unterricht, so sollten wir Aufsatzbilden mit unfern Kindern, so müßten unsere Lesebuchstoffe beschaffen sein. Freilichweiß jeder Kundige, daß die reiche deutsche Literatur, so reich an volksthümlicherPoesie, an Sagen, Märchen und Fabeln, die dem Volke mündlich sind, in einigenWissenszweigen wenigstens an volksthümlicher Prosa sehr arm ist. Aber jeder Sprach-lehrer weiß auch, wie fruchtlos und entmuthigend die Arbeit selbst mit der Oberclasseist, wo der Lesestoff in Ausdruck oder Satzbau für das Verständnis der Kinder un-geeignet gefaßt ist, oder wie z. B. die Kinder einer Unterclasse würgen, gilt es z. B.nur einen einzigen ungeschickt gefaßten Nebensatz nachzusprcchen. Hier werden wiralle noch lange lernen müßen, ehe die rechten Lehrmittel werden hcrgestellt, die rechtenLehrwege gefunden sein. Aber sie werden an keinem andern Orte gefunden und ge-lernt werden, als bei unseren besten volksthümlichen Schriftstellern, bei dem gemeinenManne und bei der Mundart, wo sie auch die zuerst Genannten studirt und gelernthaben. Dem gemeinen Manne, dem Bäuerlein und dem alten Handwerker, demKnechte und der Magd, dem alten Mütterchen müßen wir zuhören, wie sie bei derArbeit reden und ein jeder im Kreise der Seinigen; ihren einfachen Redewendungen,ihren schlagenden und körnigen Ausdrücken und Antworten müßen wir lauschen, wiesie sich auch inder Weisheit auf der Gasse," im Sprüchworte, niedergeschlagenhaben. Ihren einsachen Satzban müßen wir der Mundart ablcrncn. Sie hat eineMenge guter, brauchbarer Wörter, die dem Hochdeutschen noch zugeführt werdenkönnen. Wie ist sie sparsam, ganz vergleichbar der guten Mutter Natur, die niemit vielem thut, was sie mit wenigem thun kann. An vielen Orten bedient sie sichdes Genitivs fast nie, an vielen kommt sie für Dativ und Accusativ mit einer einzigenForm aus. Von den Bicgungsformen des Zeitworts gebraucht sie kaum den drittenTheil und nur die einfachsten. Man gebe sich einmal Rechenschaft, wie viele von den