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Deutsche Sprache.
allerdings mit der ganzen Wucht des Genius, und eines Genius ersten Ranges;Mann aus dem Volke und Gelehrter zugleich, Reformator zugleich und Schriftstellervon Gottes Gnaden, hat er hauptsächlich in seiner deutschen Bibel unsere hochdeutscheSchriftsprache aus der Fülle seines Geistes heraus neu geboren oder vielleicht richtigerdoch wohl zuerst ganz zur Welt geboren. Mit der Gewalt seiner volksthümlichenRede auf der Kanzel wie im Katechismus, mit seinem nie übertroffenen Bibeldeutsch,das sich allen Arten und Wendungen des Gedankens so biegsam anschmiegt, derruhigen Geschichtserzählung der Königsbücher, wie den gewaltigen Thatsachen derBücher Mose, dem stillen Idyll des Büchleins Ruth, wie dem Gedankenschwungedes Buches Hiob, hat er uns nicht nur das ewige Gotteswort aus fremden Zungenverdeutscht, ja in deutscher Zunge neu geschaffen, sondern er hat auch mit gewaltigerWucht der hochdeutschen Schriftsprache wie mit einem Male zu Stand und Wesen >und zum Siege verhelfen, zu einer maßgebenden und durchschlagenden Bedeutung,der sich selbst seine erbittertsten Gegner, die Jesuiten, in ihren Schulen nicht zu ent-ziehen vermochten. Von da ab verschwinden in Schrift und Druck die anderen Mund- ^arten für drei ganze Jahrhunderte; und in dem also ausgeprägten Idiom haben >fast ohne Ausnahme seit 350 Jahren unsere Denker und Dichter, unsere Forscherund ihre popularisirenden Gehülfen geschrieben. Die unermeßlichen hochgespeichertenSchätze unseres Schriftenthums, des poetischen wie des prosaischen, des gelehrten wiedes volksthümlichen, sind in der hochdeutschen Schriftsprache verfaßt. Und erst seit ftdem Anfänge dieses 19. Jahrhunderts hat man angefangen, auch die immer noch inKraft und Leben stehenden Volksmundarten, die lange in Verachtung gestanden hatten,wenigstens bei den Gelehrten und Gebildeten, in Schrift zu fassen. Und kostbares Gutist aus diesem urfrischen Borne deutschen Volksthums auf den Büchermarkt gefördert !worden, seit Hebel mit den alemannischen Gedichten voraufgieng, Klaus Groth, vor-mals Lehrer, mit dem Quickborn in ditmarsischer Mundart, Holtei mit Gedichtenin schlesischer Mundart, Fritz Reuter mit Dichtungen und Erzählungen in mecklen-burgischer Mundart und viele andere nachfolgten. Denn während die hochdeutscheSchriftsprache durch die Arbeit unzählbarer Männer in mehr als drei Jahrhunderten ^
zum vollkommensten Ausdruck des Verstandes und des Geistes, der Poesie in ihrenhöheren Gattungen wie der feierlicheren Rede, der Geschichtschreibung wie der wissen-schaftlichen Forschung überhaupt, der Gesetzgebung und des gebildeten Gesprächs ist !ausgebildet worden, redet das unergründliche deutsche Volksgemüth lauter, lieber und !
unmittelbarer je und je in der Mundart. Denn das Hochdeutsche ist, wie wir dies I
auch mit dem Zusatze hochdeutsche Schriftsprache bezeichnen, eigentlich viel mehr eine ^geschriebene und gedruckte, als eine wirklich gesprochene Sprache. Wir alle reden es, Izunächst wenn wir aus dem gedruckten Buche oder vom geschriebenen Blatte vorlesen. IWeiter ist es ganz unentbehrlich als das einzige Mittel zur Verständigung der ver- rschiedene Mundarten redenden Stänime unter sich sowohl als mit jedem Ausländer, >der Deutsch, d. h. eben nur das allgemeine Hochdeutsch gelernt hat. Demnächst ist ftes die regelrechte Sprache in Staat, Kirche und Schule; im Unterrichte, in der ge-bildeten Gesellschaft, in Predigt und Liturgie, in öffentlichen Versammlungen, auf Land-tagen und vor Gericht wird es geredet. Das Volk auf dem Markte und in denStraßen, in Wohnungen und Werkstätten, auf dem Felde, auf der Landstraße undim Walde wie bei aller Arbeit redet die Mundart, die nur der halbgebildete Ge-bildete, der oft eben so eingebildet als ungebildet ist, theils im Jrrthum, theils ausHochmuth für ein verderbtes und unrichtiges Deutsch hält. Ja auch die Gebildeten,selbst die allerhöchsten Kreise kaum ausgenommen, reden in der Familie kein reinesHochdeutsch; nur vereinzelte Pedanten, zumal Schulmeister, bemühen sich, das zu thun,und bringen es doch nicht fertig. Wo wir uns nur etwas gehen lassen und es unssprachlich bequem machen, wo der Affect aufwallt, wo das Herz warm wird und dasGemüth redet, da schlägt überall auch durch das noch so sehr zur Gewohnheit ge-wordene Hochdeutsch der gemüthlichere, von Jugend auf gewohnte Ton des Dialektsdurch. Die meisten von uns ziehen die hochdeutsche Sprache doch nur wie einenbesseren Rock an, wenn sie sich zu feierlicher Rede oder zu ernstem Geschäfte inPositur setzen. Ich habe es nicht vergessen, daß ich als Kind einen königl. preu-ßischen Cultus-Minister bei einer amtlichen Schulreviston auf eine hochfeierliche