Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Deutsche Sprache.

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rücken. Unterlage und Ausgangspunct der hierher cinschlagendcn Erwägungen undFolgerungen ist die Thatsache, daß unsere Muttersprache in zahlreiche unter sich sehrverschiedene Mundarten geschieden ist. Es verhält sich nämlich mit derselben, wiemit allen Sprachen, die über ein weit ausgedehntes Gebiet verbreitet sind: sie istzwar in sich einheitlich und dieselbe, aber sie klingt keineswegs aller Orten gleich.Vielmehr haben Veranlassungen der verschiedensten Art, geographische Unterschiede, wieGebirg, Tiefebene und Meeresküste, reichlicher oder mangelnder Verkehr durch größereoder geringere Zugänglichkeit, benachbarte fremde Sprachstämme, Aus- und Ein-wanderungen und Mischungen der Volksstämme, wie z. B. wendischer und polnischer,porusfischer und czechischer mit deutschen auf die mannigfachste Weise auf die Sprachebestimmend eingewirkt und dies in einem solchen Maße, daß wir oft wenige Meilenweiter Ton und Klang einer neuen Mundart als wie einer ganz anderen Sprachehören, und daß selbst der großen Gruppen von gleichartigen Mundarten der deutschenSprache schon ziemlich viele (mindestens 1520), der einzelnen Mundarten aber,wie Firmenich-Richartz Proben derselben in seinem großen WerkeGermaniensVölkerstimmen" gesammelt hat, viele Hunderte sind. Und so groß ist der Unterschied,daß der Mitteldeutsche, wenn er das bayrische Hochland oder die friesische Marschdurchwandert, große Mühe hat, den deutschen Landmann, der doch sein Landsmannund Bruder ist, zu verstehen, und daß der Oberdeutsche den Niederdeutschen, je weitervon demselben entfernt er heimisch ist, selbst mit der größten Mühe doch meistentheilsnicht mehr versteht und sich ihm kaum verständlich machen kann. Nicht als ob er imfremden deutschen Gau dieselbe Mühe hätte, mit der man in der Fremde z. B.Russisch lernt; die Verständigung gelingt meist binnen Tagen oder Wochen ebenso,wie sie auf den ersten Anlauf mislang. Sehr deutlich unterscheiden sich unter diesenMundarten zwei große Gruppen, die oberdeutsche und die niederdeutsche. Ihre Grenze,namentlich in ihrer westlichen Hälfte meist sehr bestimmt und scharf festzustellen, imOsten öfter etwas mehr verschwimmend, läuft, indem sie an der Grenze des fran-zösischen Sprachgebiets bei Aachen beginnt, zuerst mit einer Krümmung nach derMaas zu auf Düsseldorf, folgt dann dem Rothlagergebirge, berührt Heiligen-stadt (Eichsfeld), geht über den Südrand des Harzes, dann, indem sie die Elbe erstberührt, dann überschreitet, über Staßfurt, Kalbe und Wittenberg, erreicht überLuckau und Kottbus die Oder und endet dort am polnischen Sprachgebiet bei Krossenund Züllichau. Zwar unterscheidet man wohl zunächst südlich von dieser Grenze diesogenannten mitteldeutschen Mundarten in Schlesien, Obersachsen, Thüringen, Hessenund Franken, aber diese sind doch den oberdeutschen ungleich näher verwandt, als demnördlich von jener Grenze beginnenden Niederdeutschen oder dem sogenannten Platt-deutschen, den Mundarten der Gegend, wo man Schwarzbrot ißt, und wo die Leute,wie der gemeine Mann im Süden sagt,datten und Watten" (dat" undwat" fürdaß",das" undwas", überhaupt t statt ß sprechen, welches letztere ja auch denWörterndas" undwas" eigentlich zukommt).

Nun aber hat sich aus allen diesen zahlreichen Mundarten eine und zwar einemitteldeutsche, die obersächstsch-fränkische zu einer Vorherrschaft über die anderen, ver-gleichbar der, die vormals der Kaiser über die Stammesherzöge übte, zur alleinigenSchriftsprache erhoben. Während nämlich bis in das 14. Jahrhundert mehrereder älteren Dialekte gleichzeitig der schriftlichen Darstellung dienen, bildet sich seitdieser Zeit von mehreren Puncten aus, unter denen einerseits Nürnberg, andererseitsMeißen besonders hervortreten, eine zunächst für die schriftliche Darstellung bestimmteallgemein verständliche Mischmundart heraus, in der allerdings das niederdeutscheElement vom oberdeutschen ziemlich stark überwogen wird. Dieser bereits in ihrerEntwicklung begriffenen Mundart also bemächtigte sich Dr. Martin Luther. Wiesehr er sich bewußt ist, nicht durchaus Eigenes und Neues zu schaffen, das zeigenam besten seine eigenen bekannten Worte.Ich habe, sagt er, keine gewiße, sonder-liche, eigene Sprache im Deutschen, sondern brauche der gemeinen deutschen Sprache,daß mich beide, Ober- und Niederländer verstehen mögen. Ich rede nach der säch-sischen Canzlei, welcher Nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland. AlleReichsstädte und Fürstenhöfe schreiben nach der sächsischen und unseres Fürsten Canzlei;darum ists auch die gemeinste deutsche Sprache." Aber er ergriff dieses Werdende