Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Deutsche Sprache.

thcils in treuester Vervielfältigung aufgespcichert die Kunden von den fernsten Zeitenund Orten, die Erfahrungen und Gedanken der frühesten und fremdesten Menschen;nicht nur in unfern Bibliotheken, sondern bis auf das Eckbrett des ärmsten Hauseswerden die Schriftwerke dreier Jahrtausende vereinigt vorgefunden, Bibel, Katechismus,Gesangbuch, Kalender und Zeitung. Und Millionen von Kindern arbeiten täglich,sich die Künste des Lesens und Schreibens anzueignen, vermöge deren sie von früherJugend auf mit den Erwachsenen Theil nehmen an der Erbschaft aller Erdgegendcnund Jahrhunderte.

Wir stehen an der Quelle, aus welcher sich die Nothwcndigkcit deselementaren Sprachunterrichts im Laufe der geschichtlichen Entwicklung er-geben hat, und aus welcher sie theoretisch allein herzuleitcn ist. Nicht die Erlernungund die Uebung der mündlichen Rede, die wir alle von der Mutter lernen, sonderndie Aneignung derjenigen elementaren Fertigkeiten, welche der Gebrauch der schriftlichenZeichen für die Lautsprache erheischt, des Lesens und Schreibens, ist der Ursprung deselementaren Unterrichts, welchen im Alterthum, in den ersten anderthalb Jahrtausendender christlichen Zeit und bei den meisten europäischen Völkern bis heute noch nur dieKinder der besseren Stände genießen, und welchen in Deutschland doch eigentlich erstseit wenig über hundert Jahren alle vollsinnigen Kinder genießen oder doch genießensollen.Lesen und Schreiben" ist der altüberlieferte und auch vollkommen be-zeichnende Name des Sprachunterrichts, der nur in der Zeit des überwucherndenGrammatisircns, das sich pur öxceilknesSprache" tituliren ließ, etwas zurückge-treten ist. Denn er bezeichnet in der That bis heute die beiden Haupterscheinungs-formen und Hauptübungen des Sprachunterrichts völlig ausreichend, neben denen dieGrammatik in keiner Weise Gleichberechtigung beanspruchen darf. Und unter diesenbeiden Stücken ist selbstverständlich das Lesen geschichtlich überall vorauf; das Schreibengalt selbst in den Bürgerschulen deutscher Städte noch vor hundert Jahren wenigstensfür die Mädchen für nicht erforderlich, ja für gefährlich, während das Lesen wenig-stens der Knaben seit der Reformationszeit im Gebiete der evangelischen Kirche überallfür ein erstrebenswertstes Ziel galt. Neben der von der Kirche ausgehenden religiösenUnterweisung und zum Theil buch nur im Dienste dieser ist der Leseunterricht derzweite Hauptquellpunct unseres Volksunterrichts und die zweite Pfahlwurzel derVolksschule.

Nach diesen Gesichtspuncten würde der Schwerpunkt des Sprachunterrichts indie ersten Schuljahre fallen, wo die elementaren Fertigkeiten des Lesens und Schreibensungeeignet werden; freilich erforderte dies bei der alten Buchstabirmethodc meist eineviel längere Zeit, als heutzutage dafür beansprucht und gewährt wird. Der weitereFortgang des Unterrichts stellte sich dann mehr als eine bloß fortführende Uebungund "Steigerung der einmal erworbenen grundlegenden Fertigkeiten dar. Währenddas Schreiben mehr die Wege des Abschrcibens »nd der Kalligraphie, auch derOrthographie gieug, als daß es das Aufschrcibcn und freieres Aufsehen sich zumZiele genommen hätte, erschien das fortgehende Lesen, wo es überhaupt über bloßeSteigerung der Fertigkeit hinauskam, als Uebung im Auffassen des in der Spracheniedergelegten Gedankenstoffes. Es hatte sein Object und Mittel ausschließlich anLuthers deutscher Bibel, wie eben desselben Katechismus die Leselernfibel war. Einenweiteren Inhalt empfieng der Leseunterricht der späteren Schuljahre zuerst durch dasLesebuch, das sich seit 1776 zu verbreiten anfängt, und das mithin sein erstes Jahr-hundert demnächst erst beschließen wird. Die Lesebücher der ersten Hälfte dieses Jahr-hunderts haben eine rein realistische, genauer utilitaristisch aufklärende Richtung. Erstmit der zweiten Hälfte kommen Lesebücher auf, die neben dem realistisch Belehrendenauck dem sog. Literarischen, deni mehr sittlich Belehrenden, Erfreuenden, Gemüth-bildenden, und so immer weiter allen denjenigen Erzeugnissen unseres Schriftenthumsmehr und mehr Platz einräumen, die durch volksthümliche Fassung für die Kenntnisder Kinder des Volkes sich eignen.

Aber es kommen hierneben noch andere Thatsachen und Umstände von großerBedeutung in Betracht, welche es nothwendig machen, dem Sprachunterricht undseinen Aufgaben noch eine bei weitem größere Ausdehnung zu geben und neben derErlernung der Schriftzeichen auch die mündliche Lautsprache unter seinen Einfluß zu